Transit nach West-Berlin (1986)

Mein erster Wagen war ein knallroter Fiat Panda 34. Mit diesem Wagen wuchs mein Wunsch die „Welt“ oder zumindest Deutschland zu erkunden und besonders attraktiv erschien mir Berlin, denn dort hatte ich bei Verwandten eine günstige Übernachtungsmöglichkeit. Die Fahrt hatte nur einen Haken: Ich musste über die damalige Zonengrenze durch die DDR, um nach nach Berlin zu fahren. Bereits im Geschichtsunterricht lernte ich einiges über die Gräueltaten der Grenzsicherungsbeamten, die Jeden erschossen der aus der DDR fliehen wollte. Von Erzählungen hörte ich auch wie aufwändig die Grenzkontrollen seien, aber ich ließ mich nicht von meinen Reiseplänen abhalten.

Mit gültigem Reisepass machte ich mich bald auf die Fahrt von Frankfurt nach Berlin. Es standen zwei Strecken zur Auswahl. Entweder über den Grenzübergang bei Helmstedt oder Herleshausen. Ich entschied mich für letzteren, obwohl die Fahrt durch die DDR deutlich länger war. Die Ausreise aus der Kontrollstelle der BRD verlief flüssig und ich fuhr weiter bis zum Stauende vor der Grenzkontrollstelle. Irgendwann wurde der Verkehr auf zehn oder mehr Spuren aufgefächert und ich steuerte im Schneckentempo auf die erste Kontrollstelle der DDR zu. Je näher ich kam, desto mulmiger wurde mein Gefühl.

Einreise in die DDR.

Der DDR Grenzbeamte forderte „Reisepass!“ ohne auch nur eine Mine zu verziehen. Er behielt den Reisepass und winkte mich weiter. Jetzt stand ich inmitten der wartenden Autoschlange und versuchte so ruhig wie möglich zu wirken. Hier gab es nur ein langsames vor und definitiv kein zurück. Ich fühlte mich unfrei und hilflos. Grenzbeamte patrouillierten mit und ohne Maschinengewehren mit starrer Mine durch die Fahrzeugreihen. Von den nahegelegenen Wachtürmen sah ich wie sich die Sonne in den Ferngläsern der Grenzer spiegelte. So musste es sich anfühlen, wenn man auf dem Weg in den Hochsicherheitstrakt eine Gefängnisses war. Für die ca. 100 Meter bis zum nächsten Kontrollhäuschen benötigte ich eine gefühlte Ewigkeit.

An der zweiten Kontrollstelle wurde ich befragt, was ich auf dem Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik zu suchen hätte und wohin meine Reise ginge. Weiter wollte er starrer, emotionsloser Mine wissen, ob ich irgendwelche Drogen, Alkohol, andere gefährliche Substanzen, Waffen etc. im Gepäck hätte, was ich verneinte. In jedem anderen Fall wäre ich vermutlich direkt in die nächstgelegene Haftanstalt überführt worden. Seinen Fragenkatalog arbeite er erfolgreich ab, drückte mir schließlich den Stempel in meinen Reisepass und ließ mich passieren.

350km Anspannung.

Die nächsten 350km fuhr ich mit vollem Tank bei striktem Tempolimit von 100 km/h durch die DDR. Unterwegs waren mitten auf der Autobahn plötzliche Geschwindigkeitsbeschränkungen. Erst 60 km/h, dann 40 km/h, dann 20km/h und dann kam der Volkspolizist mit der Kelle: Fahrzeugkontrolle. Ob ich unterwegs etwas aufgenommen hätte, ob ich Rast gemacht hätte, jemandem geholfen hätte und weiteres wollte er wissen. Ich bestand diesen Test, fuhr unter Anspannung weiter und hoffte, dass mir weitere Schikanen erspart blieben und mein kleiner roter Fiat die Strecke nach Berlin pannenfrei überstehen würde.

Ich hielt mich so penibel wie noch nie an die Geschwindigkeitsbeschränkungen und fuhr noch nie so verängstigt wie dort. Die Angst bei der Kontrolle auch nur eine Frage falsch zu beantworten und dafür schikaniert zu werden, war zu groß. Ich war heilfroh, als Berlin in greifbare Nähe rückte und ich der letzten Schikane ausgesetzt war.

Ausreise aus der DDR.

Die „Ausreise“ aus der DDR, folgte einem ähnlichen Prozedere. Es war nur noch aufwändiger war als bei Einreise, denn ich hätte ja ein potentieller Fluchthelfer sein können, der auf einem Rastplatz jemanden mitnahm und irgendwo versteckte. Ich wurde intensiv befragt, Grenzpolizisten durchwühlten mein Gepäck, untersuchten mit Spiegeln den Unterboden meines Wagens und schoben eine flexiblen Metalldraht in den Tank, um zu prüfen, ob anstelle des Tanks ein Versteck für einen Flüchtigen wäre. Immerhin galt es ungesicherte Grenzübertritte mit allem Mitteln zu verhindern. Schließlich durfte ich passieren und die ganze Anspannung fiel mit einem Male von mir ab.

Einerseits war mein Bedürfnis nach Abenteuer nach dieser Fahrt erfüllt und gleichzeitig war da ein Gefühl von Hilflosigkeit, von Ausgeliefertsein und mein Bedürfnis nach Klarheit, Schutz, Sicherheit und Freiheit deutlich unterversorgt. Ich fuhr die Strecke natürlich mit gleichem Prozedere wieder zurück. Trotz der Schikanen fuhr ich noch häufiger mit meinem kleinen roten Flitzer nach Berlin. Die Lust diese lebendige Stadt ohne Sperrstunde zu entdecken und zu feiern war einfach zu groß.

Die Erlebnisse an der Grenze waren prägend. Obwohl sich alles vor dem Mauerfall vor über 30 Jahren ereignete, so verspüre ich die Angst beim Anblick von uniformierten Grenzbeamten bei jedem Grenzübertritt zwar nicht mehr. Ein unspezifisches mulmiges Gefühl ist jedoch geblieben.

Welche Erlebnisse mit Autoritäten hattest Du? Magst Du sie erforschen, dann schau Dir die folgende Übung an : Umgang mit Autoritäten.

Wundersame Begebenheiten – Sonny von Sorges.

Als ich morgens in der Nähe eines Wohnmobilstellplatzes in Sorges aufwachte wusste ich noch nicht das dieser Ort seinem Namen alle Ehre machen wird und ich mich bald, um einen kleinen Hunde sorgen würde. Ich bereitete mir mein Frühstück als sich ein Hund zur mir gesellte und mit Neugier rumschnupperte. Er blickte mich so bedürftig an, wie ich es sonst nur von meiner Tochter kannte, wenn sie irgendetwas von mir wollte. Er konnte noch so treu blicken, meine Fürsorge unterdrückte ich und gab ich ihm weder Nahrung noch Streicheleinheiten. Am Ende würde ich den Hund durch meine Zuwendung noch an mich binden und das wollte ich nicht, denn sicherlich würde er zu den Wohnmobilleuten gehören.

Dem Hund war das scheinbar egal, denn er verfolgte mich durch Sorges zu einer Bar. Ich trank dort einen Kaffee, lud mein Handy und verfasste meine Pilgernotizen. Ich ging zur Touristeninfo, wo gerade irgendwelche Trüffel begutachtet wurden, um mir einen Pilgerstempel in meinen Pilgerpass drücken zu lassen. Anschließend machte ich mich auf den Weg und der Hund, den ich aufgrund seines hellen Fells Sonny nannte, folgte mir sehr unaufdringlich.

Unfreiwillig begleitet.

Den Jakobsweg schien Sonny zu kennen. An manchen Kreuzungen oder Abzweigungen reduzierte er sein Tempo, ging bedächtig in eine Richtung, blieb stehen und beobachtete wie ich mich wohl entscheiden würde. Ich hoffte Sonny würde irgendwann mal von alleine auf die Idee kommen zurück nach Hause zu laufen. Er hatte ein gepflegtes Fell und gehörte sicherlich zu irgendjemand der ihn vielleicht schon vermissen würde. Nach über einer Stunde machte ich eine Pause.

Während ich von meinem Baguette aß sorgte Sonny für meine Unterhaltung. Er erkundete die Umgebung und schien viel Spaß daran zu haben eine Ziegenherde aufzumischen. Irgendwann war er nicht mehr zu sehen. Wo war er bloß geblieben? Bestimmt hatte Sonny Sehnsucht nach seinem Herrchen oder Frauchen und schlug seinen Nachhauseweg ein. Ich lief weiter und nur wenige hundert Meter später galoppierte er an mir vorbei. Ein berührender Moment, denn irgendwie gefiel es mir diesen kleinen unkomplizierten Begleiter zur Seite zu haben. Im Straßenverkehr bestaunte ich die Sonnys Achtsamkeit. Sobald er ein Auto hörte lief er an den Straßenrand, legte sich ins Gras und wartete bis das blecherne Ungeheuer vorbeifuhr. Erst dann lief er weiter.

Immer mal büxte er aus und rannte kreuz und quer über Wiesen und durch die Wälder. Der Gedanke den Rückweg einzuschlagen schien ihm fremd. Lieber lief er vor mir her und fühlte sich wohl berufen mich zu begleiten, um mir den Weg zu weisen. Irgendwann wurde mir die Sache mulmig und ich versuchte Kontakt aufzunehmen und ließ nichts unversucht Sonny zur Rückkehr zu motivieren. Mal schrie ich ihn lautstark an und mal sprach ich ihn in freundlichem Ton an.

Wunder geschehen immer wieder.

Wie könnte ich ihn bloß loswerden? Irgendwo würde sicherlich jemand diesen treuen Begleiter vermissen. Es war auf keinen Fall ein Streuner. Sein Fell war sehr gepflegt. Verschiedene Gedanken gingen mir durch den Kopf: Ich könnte per Anhalter fahren, in Périgueux einen Bus nehmen, um Sonny abzuhängen oder auf ein Wunder hoffen. Klar, ich könnte ihn auch bis Santiago mitnehmen, so lieb und laufbereit er war.

Während ich gedanklich alle möglichen Strategien durchspielte wie es mit mir und dem Hund weitergehen könne, erschienen mir zwei Engel in der Form von Pilgerinnen. Sie waren auf dem Rückweg von Santiago De Compostela nach Vézelay. Ich erzählte ihnen die Geschichte mit dem Hund und sie erklärten sich bereit ihn nach Sorges zurückzunehmen. Ein Schnürsenkel diente ihnen dabei als Leine. Ich dankte den Beiden, war froh und lief mit Trennungsschmerz weiter. Ich glaube der Hund wäre lieber mit mir weitergelaufen, das drücke er auch mit bitterlichem Abschiedsbellen aus. Das war das erste Mal das er überhaupt bellte.

Irgendwie war ich traurig von dieser Szene und fragte mich wie es kommt, dass mich diese eigentlich ungewollte, kurze Beziehung zu diesem Hund so berührt. Ich bis sicher, dass ich da irgendwas in Sonny hineinprojizierte. Irgendwie war ich auch überzeugt, dass mir Sonny nicht zufällig begegnete sondern, dass uns eine kosmische Energie zusammenführte.