Hab ich da ein NEIN gehört?

Warum bekommen wir nicht was wir wollen? Weil wir nicht darum bitten. Warum bitten wir nicht? Vielleicht weil nicht wir nicht wissen, wie wir unsere Bitte ausdrücken oder weil wir befürchten ein „NEIN“ zu hören. Durch die Gewaltfreien Kommunikation (GFK) haben wir gelernt wie wir sorgsam eine Bitte formulieren. Wir nennen die Beobachtung, das Gefühl und das im Mangel geratene Bedürfnis und überlegen einen Weg wie wir dieses Bedürfnis gerne erfüllt bekämen. Dann drücken wir kurz und knapp unsere Bitte aus. Und dann bekommen wir trotz der sorgfältig vorbereiteten Bitte ein „NEIN“ zu hören. Was ist passiert?

Unterschiedliche Fragestellungen.

Es gibt unterschiedliche Fragestellungen. Bei einigen reagieren wir auf ein „NEIN“ weniger empfindlich als bei anderen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin und den Weg zum Bahnhof suche, dann frage ich nach dem Weg. Höre ich als Antwort „Nein, ich kenne den Weg nicht.“ ist unser Bedürfnis nach Orientierung immer noch nicht erfüllt, wir werden es der Person nicht verübeln. So ist es bei allen intellektuellen Fragen. Entweder ich bekomme eine Antwort oder nicht. Und wenn nicht, dann versuche ich die Antwort eben auf anderem Weg zu bekommen. Ich frage eine andere Person oder recherchiere im Internet oder in einem Lexikon.

Ähnlich verhält es sich mit Fragen, ob jemand etwas getan hat oder ein bestimmtes Land besucht hat. Warst Du schon mal Gleitschirmfliegen? Warst Du jemals auf Mallorca? sind solche Fragen. Bei all diesen Fragen ist meine emotionale Betroffenheit eher gering.

Wie schaut es jedoch aus, wenn ich jemanden darum bitte etwas zu tun was mein Leben bereichert und ich höre dann ein „Nein“? Also bei Fragestellungen wie z.B.

  • Frage an Bekannte: „Möchtest Du am Wochenende mit mir Ausgehen?“
  • Frage an Freund: „Könntest Du mir am kommenden Samstag beim Umzug helfen?“
  • Frage an Partnerin: „Könntest Du noch heute Abend den Müll zur Tonne bringen? „
  • Frage an Kind: „Wärst Du bereit Dein Zimmer bis zum Ende der Woche aufzuräumen?“
  • Frage an Vorgesetzte: „Könntest Du mir zum neuen Jahr eine Gehaltserhöhung geben? „
  • Frage an Kollege: „Könntest Du ab kommenden Monat das Projekt übernehmen?“

Wie geht es Dir, wenn Du bei einer solchen oder ähnlichen Fragestellungen ein „NEIN“ hörst? Entsteht bei Dir ein Gefühl von Ärger oder Traurigkeit, dann nimmst Du das „NEIN“ vielleicht persönlich als Ablehnung Deiner Person. Oder aber hörst Du das „NEIN“ empathisch und erkennst, dass der Befragte einfach nur gut für sich selbst sorgt.

Empathischer Umgang mit dem „NEIN“.

Wann hast Du das letzte Mal zu etwas „NEIN“ gesagt? Ich bin sicher, Du hattest gute Gründe dafür. Genauso mag es Deinem Gegenüber ergehen. Vielleicht ist das „NEIN“ nicht im Einklang mit dessen Bedürfnissen und Werten, vielleicht wurde Deine Frage als Forderung gehört oder es gibt sachliche Gründe für das Nein.

Wenn Du das NEIN empathisch hörst, dann kann jetzt eine Klärung entstehen, die zu mehr Klarheit führt. Maßgeblich ist dabei die eigene Haltung. Wenn ich das „NEIN“ höre, dann höre ich das der Betreffende „JA“ zu etwas anderem sagt. Welche Bedürfnisse werden durch dieses „JA“ erfüllt. Welche Bedürfnisse könnten bei dem anderen in den Mangel geraten? Vielleicht ist der Zeitpunkt bereits verplant und es ist der betroffenen Person wichtig zu gemachten Zusagen zu stehen. Vielleicht besteht keine Klarheit darüber, aufgrund welcher Leistungen die Gehaltserhöhung gerechtfertigt werden kann. Nachdem die Klarheit geschaffen ist, welche Bedürfnisse auf beiden Seiten erfüllt werden, kann eine Lösung gefunden werden, die die Bedürfnisse aller erfüllt.

Bei Menschen von denen ich ein „NEIN“ höre, bin ich zuversichtlich, dass sie gut für sich selbst sorgen und bin umso sicherer, dass sie, sobald sie „JA“ sagen, auch mit ganzem Herzen dahinter stehen.

„NEIN“ hören üben.

Hast Du Lust das „NEIN“ hören zu üben? Dann lade ich Dich zu folgender Übung ein.

  • Stelle Dir bitte 3 Personen aus dem beruflichen und privaten Kontext vor und überlege für jeden eine Bitte, die Du dieser Person gerne stellen würdet oder Du vielleicht schon gestellt hast.
  • Formuliere die Bitten in unterschiedlichen Qualitäten, also „Nice to have“, „Bedeutsam“, „Herzenswunsch“.
  • Stell Dir die Situationen sinnlich vor und spüre wie es sich anfühlt, wenn die Bitte erfüllt wird.
  • Suche Dir einen Übungspartner und trage Deine Bitte(n) Deinem Übungspartner einzeln vor. Dein Übungspartner hat die Anweisung einfach nur mit „NEIN“ zu antworten.
  • Bevor Du zur nächsten Frage kommst, spürt beide nach wie es ergangen ist das „NEIN“ zu sagen und auch das „NEIN“ zu hören.
    • Wie hast Du dich gefühlt?
    • Wie hat sich in diesem Moment die Verbindung zwischen Fragendem und Befragten verändert?
    • Welche Unterschiede waren spürbar bei den unterschiedlichen Qualitäten?

Übrigens gehört „NEIN hören“ zu den sogenannten GFK Prozessen. Die Übersicht dazu habe ich Dir hier verlinkt.

Magst Du mir Deine Erkenntnisse als Kommentar hinterlassen?

Lass‘ mich in Ruhe!

Stell Dir vor Du bist unter Termindruck, weil Du ein wichtiges Dokument innerhalb der nächsten 30 Minuten fertig stellen möchtest. Da kommt Deine Frau oder Dein Kind mit einem wichtigen Anliegen ins Homeoffice. Oder im Büro kommt ein Kollege auf Dich zu und hat eine Frage bezüglich eines Unternehmensprozesses oder mag einfach seine privaten Erlebnisse teilen. Wie reagierst Du in solchen Momenten? „Du entschuldige, ich habe gerade keine Zeit!“ ist vielleicht Deine Reaktion. Es folgt „Ach sei doch nicht so, ist nur ganz kurz!“ wird Dir entgegnet und man beginnt Dir sein Anliegen zu auszudrücken. Du wurdest offensichtlich in Deinem Bedürfnis nach Ruhe, um störungsfrei und effizient zu arbeiten nicht wahrgenommen. Das einzige Mittel scheint ein Hilferuf wie z.B. „Lass‘ mich bitte in Ruhe!“ oder „Zisch‘ ab!“ oder „Raus!“.

Das klingt jetzt nicht sehr gewaltfrei, oder? Jede der genannten Aussagen drückt aus, was die andere Person jetzt unmittelbar tun soll. Vielleicht gehst auf deren Anliegen ein, weil Du Dich um die Beziehung sorgst oder einfach nett sein willst. Dadurch verkürzt sich jedoch Deine Zeit und deine Anspannung steigt. Also alles in allem gehst Du in diesem Fall auch nicht gerade besonders fürsorglich mit Dir selbst um, oder?

Verbale Selbstverteidigung – der Giraffenschrei.

Bei solchen Begebenheiten oder auch in Situationen von Angst oder Panik, wenn alte Wunden aufgerissen werden oder Menschen die sich nicht (mehr) um sich selbst kümmern können, wie z.B. ältere Menschen oder Kinder, verbal oder körperlich angegriffen werden, hilft der sogenannte Giraffenschrei. Dabei nutzen wir unsere Energie und drücken klar aus was wir brauchen ohne den anderen zu maßregeln.

Wir sagen oder rufen einfach „Stopp!“, so dass der andere unmissverständlich weiß, dass Du Dich in „Not“ befindest. Füge noch dein Bedürfnis hinzu, welches gerade in dieser Situation im Mangel ist. „Stopp!!! Ich brauche gerade Ruhe, um konzentriert zu arbeiten.“ oder „Stopp! Dieses Thema ist für mich gerade ganz schwer zu ertragen.“ Verwende möglichst kurze und prägnante Sätze. Um die Ernsthaftigkeit des Stopp-Signals zu unterstreichen, empfiehlt sich die Aussage durch klare Gesten zu unterstreichen.

Wie man das stoppen ausdrücken kann, zeigt das folgende Video besonders anschaulich 🙂

Übrigens ist der sogenannte Giraffenschrei einer der GFK Prozesse. Wenn Du die Übersicht zu den GFK Prozessen sehen möchtest, dann folgen dem Link.

In welchen Situationen würdest Du den Giraffenschrei gerne mal ausprobieren? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

Ostern – Scheitern, Trauern, Neubeginn.

Ostern, Ostereier im Gras

Jedes Jahr zur Osterzeit werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt, so dass es abends länger hell ist. Die Temperaturen steigen und die Natur beginnt aus dem Winterschlaf zu erwachen. Die Christen feiern Ostern am ersten Wochenende nach dem ersten Vollmond im Frühling und in mir weckt die Ostergeschichte jeses Jahr die Metapher von Scheitern, Trauern und Neubeginn.

Die Christliche Ostergeschichte.

Ich erinnere mich in etwas so an die christliche Ostergeschichte: Jesus ritt am Sonntag vor Ostern auf einem Esel nach Jerusalem, um mit anderen Juden das Pascha-Fest zu feiern. Die Leute hatten schon viel von ihm gehört und freuten sich, dass er mit Ihnen feiern wollte. Den Staatsoberhäuptern war es gar nicht recht, dass Jesus wie ein König gefeiert wurde und suchten ihn. Jesus ahnte, dass „etwas im Busch war“ und feierte am Gründonnerstag mit seinen Jünger das Abendmahl. Anschließend wurde er verraten, am Karfreitag zum Tode verurteilt und ans Kreuz genagelt.

Ein Freund beerdigte Jesus anschließend in einer Grabhöhle und rollte zur Sicherheit einen Stein davor. Am Ostersonntag kamen Frauen an das Grab, um den Leichnam zu pflegen und entdeckten das leere Grab. Ein Engel berichtete, dass Jesus wieder lebendig sei. Er begegnete an diesem Tage auch noch Maria Magdalena zu der er meines Erachtens ein ganz besonderes Verhältnis hatte. Am Ostermontag begleitete er noch zwei seiner Jünger nach Emmaus. Sie erkannten ihn und verbreiteten das Wunder der Auferstehung.

Scheitern, Trauern, Neubeginn.

Scheitern definiere ich als „ein angestrebtes Ziel nicht erreichen“. Da Jesus keines natürlichen Todes starb und sicherlich andere Pläne verfolgen wollte, als sich am Karfreitag ans Kreuz nageln zu lassen, betrachte ich seinen Tod erstmal als Scheitern. Denn offensichtlich war das was er tat, die heilsamen Wunder und seine Beliebtheit nicht im Einklang mit den Bedürfnissen mancher „Stakeholder“. Jesus Anhänger betrauerten den leidvollen Tod am Kreuz und feiern noch heute also knapp 2000 Jahre danach das Wunder der Auferstehung.

Wow! Rückblickend kann man wohl nicht mehr von Scheitern sprechen. Ganz im Gegenteil, hätte Jesus einfach so weitergemacht, wäre das „Wunder“ ausgeblieben und heute würde wohl kaum einer mehr darüber reden.

Blicken wir auf unser eigenes Leben zurück. Irgendwann versuchte vermutlich jeder von uns aufrecht zu gehen. Klappte das beim ersten Versuch? Sicher nicht. Als wir als Kleinkinder laufen lernten fielen wir ca. 100 mal pro Tag hin. Wir ließen uns von unserem Scheitern nicht beirren, blieben dran und probierten es einfach weiter. Scheinbar hatten wir die Idee, dass wir davon profitieren könnten. Wir wollten uns entwickeln, unseren Aktionsradius vergrößern und sicherlich auch dazugehören. Kurz wir wollten unsere Bedürfnisse erfüllen und ließen diese Bedürfnisse nicht aus dem Fokus. Die Bitte ans uns selbst war: Probiere es gleich noch einmal.

Konstruktiver Umgang mit Scheitern.

Blicke ich auf mein Leben zurück, so gab es mehrere Stationen meines Lebens wo ich scheiterte wie z.B. Verlassen des Gymnasiums nach der 10. Klasse, Projekte die nicht liefen wie geplant und Beziehungen die lange vor der „Scheidung durch den Tod“ endeten. Rückblickend betrachtet traurige, teilweise traumatische Erlebnisse, die ich heute noch bedaure und gleichzeitig jeden daraus entstandenen Neubeginn feiere.

Wenn Du auch konstruktiv mit Deinem Scheitern umgehen magst, lade ich Dich ein Deinen Blick zurückzuwerfen und Dir die folgenden Fragen zu stellen:

  • Was wollte ich ursprünglich erreichen? Was war mein Vorhaben, mein Plan?
  • Welche konkrete Beobachtung macht mich glaubend, dass ich „gescheitert“ bin?
  • Welche Erkenntnisse habe ich gewonnen? (Dadurch ist mein Bedürfnis nach Entwicklung schon mal erfüllt.)
  • Wenn ich daran denke, welche Gefühle sind noch präsent, ?
  • Welche Bedürfnisse wollte ich mir mit diesem Vorhaben erfüllen?
  • Welche anderen Wege gibt es diese Bedürfnisse zu erfüllen?
  • Welchen Weg möchte ich als nächstes einschlagen, um meine Bedüfnisse zu erfüllen?

Scheitern feiern.

Ich habe den Eindruck, dass Scheitern im gesellschafltichen Kontext verpönt ist. Diese Sichtweise bedaure ich, denn gerade durch Scheitern kann Entwicklung beginnen und jede Form von Entwicklung bietet Anlass zum Feiern. So ist Ausprobieren, Scheitern, Trauern und Dranbleiben schließlich ein Schlüssel zum Erfolg.

Die Geschichten des Scheiterns können dabei auch viel interessanter und unterhaltsamer sein als eine geradlinige Geschichte des Erfolges. Vielleicht sind aus dieser Idee heraus die sogenannten Fuck-Up Nights entstanden. Nein, hier geht es um nichts obszönes. Es geht um eine globale Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat Scheitern nicht zu stigmatisieren sondern zu kultivieren und zu feiern.

Magst Du mir einen Kommentar hinterlassen und Deine Geschichte teilen?

Strassengiraffisch

In der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) wird häufig die Giraffe als Symbolfigur für Empathie verwendet, da Giraffen die Landlebewesen mit dem größten Herzen sind. Als Gegenspieler begegnet einem im deutschsprachigen Raum der Wolf, der mit wenig Gespür für Gefühle und Bedürfnisse seine Urteile einfach rausheult. Die GFK wird auch als Sprache des Herzens oder Giraffensprache genannt. Sie orientiert sich grundsätzlich an den vier Schritten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. Daraus kann sich ein Satz mit folgender klassischer Struktur ergeben: „Wenn ich sehe/höre … , fühle ich mich …, weil ich brauche …. Wärst Du bereit?“. Die eher umgangssprachliche Anwendung der GFK aus einer empathischen Haltung heraus ist „Strassengiraffisch“. Dieser Artikel enthält ein paar Tipps und Beispiele sowie eine Übung zum praxisnahen Einsatz der Gewaltfreien Kommunikation.

„Being Giraffe“ versus „Doing Giraffe“

Falls Dir die Methode der GFK noch nicht in „Fleisch und Blut“ übergegangen ist und Du einen Selbstausdruck äußerst, dann mag er anfänglich vielleicht etwas „gestelzt“ klingen. Das ist völlig ok, solange die gute Absicht darauf liegt eine Verbindung herzustellen und GFK „richtig“ anzuwenden. In diesem Fall verhältst Du Dich noch wie eine Giraffe (Doing Giraffe) und wirkst vielleicht noch nicht so authentisch wie es Dir lieb wäre. Wenn Du dabei bleibst, wirst Du bald die empathische Haltung entwickeln aus der Du authentisch mit Dir selbst und Deiner Umwelt verbunden bist. (Being Giraffe)

Damit sich aus der Anwendung der Methode der GFK eine empathische Haltung entwickelt, empfehle ich diese Methode zur Selbsteinfühlung zu verinnerlichen. Am Besten Du spürst täglich bei Alltagssituationen in Dich hinein, welche Deiner Bedürfnisse gerade im Mangel und welche erfüllt sind. Vielleicht findest Du auch eine passende Bitte.

Ausdruck von Beobachtungen

Eine klare Beobachtung ist das, was widerspruchsfrei von mehreren Menschen gleichzeitg beobachtet werden kann und basiert auf ZDF, also Zahlen, Daten und Fakten, zum Beispiel: Der Wagen fährt 116km/h, Klaus wiegt 78.4kg und ist 1.69m groß, das Essen ist mit 6g Salz gewürzt.

Da diese Maßzahlen häufig nicht zur Verfügung stehen greift man umgangssprachlich gerne zu absoluten Äußerungen wie zB. der Wagen fährt viel zu schnell, Klaus ist viel zu schwer, dass Essen ist total versalzen. Der unklare individuelle Maßstab von „viel zu“ führt gerne zu Diskussionen über unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe. Ich phantasiere jetzt einen Dialog der sich in ähnlicher Form bei meinen Eltern im Auto oder bei Loriot abgespielt haben könnte:

  • Mutter: „Fahr‘ doch nicht so schnell!“
  • Vater: „Aber ich fahre doch gar nicht schnell.“
  • „Doch Du fährst viel zu schnell.“
  • Vater blickt auf den Tacho: „Ich fahre doch gerade mal 126km/h“
  • „Das sag ich doch, das ist viel zu schnell“
  • „Aber hier sind 130km/h erlaubt, also ist es gar nicht zu schnell“

Diesen Dialog könnte endlos weiterspinnen und er würde in dieser Form zu keiner Lösung führen. Außer die Mutter würde aus Not den Warnhinweis „Gleich wird mir schlecht!“ äußern.

Tipp: das Universelle „als mir“

Eine Lösung wäre bei folgender Aussage möglich: „Du fährst schneller als mir lieb ist“. Mit dieser Äußerung stelle ich eine Referenz zu meiner Wahrnehmung und gleichzeitig zu meinen unangenehmen Gefühl her. „…als mir lieb ist.“ lässt sich recht universell einsetzen:

  • Du fährst schneller als mir lieb ist.
  • Die Musik ist lauter als mir lieb ist.
  • Du sprichst lauter als mir lieb ist.
  • Der Grill raucht stärker als mir lieb ist.
  • Die Tüten sind schwerer als ich tragen kann.

Wenn ich selbst der Vergleichsmaßstab bin, kann der andere zwar immer noch anmerken, wie empfindlich oder was auch immer ich bin, meine Botschaft ist jedoch als Selbstausdruck authentisch kommuniziert. In allen Fällen wünsche ich mir, dass meine Bedürfnisse gesehen und respektiert werden.

Umgangssprachlicher Ausdruck von Bedürfnissen

Im Kern geht es in der Gewaltfreien Kommunikation um die menschlichen Bedürfnissen und Wege diese zu erfüllen. Um diese zu benennen findest Du nachfolgend ein paar Beispiele, deine Bedürfnisse auszudrücken:

  • Autonomie: „Ich möchte gerne selbst entscheiden“
  • Entwicklung: „Ich möchte gerne mal was Neues ausprobieren“
  • Einfühlung: „Ich möchte gerne mal erzählen was bei mir so los ist“
  • Entspannung: „Ich möchte jetzt gerade mal nichts tun“
  • Körperliche Bedürfnisse: „Ich brauche bald etwas zu Essen, zu Trinken, eine Dusche“
  • Individualität: „Ich möchte mich so kleiden, wie es mir gefällt“
  • Integrität: „Ich möchte nicht warten sondern meine Zeit sinnvoll nutzen“
  • Geistige Bedürfnisse (Lesen, Denken, Humor): „Ich möchte gerne meine grauen Zellen aktivierien“
  • Sicherheit: „Ich möchte gerne, dass alle Fakten auf dem Tisch liegen bevor ich mich entscheide.“
  • Schutz: „Ich will ganz sicher sein, dass mir nichts passiert.“
  • Gemeinschaft: „Ich möchte gerne mal wieder ‚unter Leute'“

Paar- bzw. Kleingruppenübung

  1. Finde 2-3 Alltagssituationen welche Du bearbeiten möchtest (~5 Min)
    • Situation in der Du jemanden auffordern möchtest sein Verhalten zu ändern, etwas zu unterlassen oder etwas zu tun (zB. Jemand drängelt sich vor; Müll rausbringen; Zimmer aufräumen)
  2. Rollenspiel (~2 Min.)
    • Spreche aus was Du in der Situation gesagt hast oder sagen würdest? (A)
    • Notiere die spontane Reaktion/Gefühl deines Übungspartners? (B/C)
    • Notiere gegebenenfalls Triggerworte die Dir Dein Übungspartner nennt
  3. Umformulierung (~3 Min.)
    • Welche Urteile und Bewertungen stecken in der Aussage von A? Was will A konkret, dass B tut?
    • Umformuliere was Du „klassisch“ in GFK sagen würdest: Wenn ich sehe dass…, fühle ich…., weil ich brauche…..und deshalb bitte ich Dich….
    • Umformuliere in deinen Alltagssprachgebrauch, so dass es für Dich stimmig ist
  4. Rollenspiel (~2 Min)
    • A „testet“ die Reaktion in empathischer Haltung mit B/C
    • Was ist die spontane Reaktion/Gefühl deines Übungspartners? (B/C)
    • Notiere jetzt die Reaktion/Triggerworte
    • Was hat sich verändert?
  5. Rollenwechsel
    • A und B/C wechseln die Rollen und beginnen von vorne

Frühling – Start in die Grillsaison

Sobald im Frühling die ersten Sonnenstrahlen herauskommen und die Außentemperaturen die 12°C Marke übersteigen, steigt in mir die Lust die Grillsaison zu eröffnen. Meine Vorfreude beginnt bereits beim Einkauf im Supermarkt mit der Auswahl des Grillgutes. Wenn ich meine Einkäufe nach Hause bringe und präsentiere, denke ich: So stolz müssen sich die Steinzeitmenschen nach langer Jagd gefühlt haben.

Die Vorbereitung der Grill-Zeremonie empfinde ich ebenso entspannend wie einen meditativen Prozess. Ich beginne mit der Reinigung meines Weber-Grills und fülle anschließend Holzkohle oder Briketts ein; ich entfache das Feuer und warte bis die Kohlen durchgeglüht sind. Bin ich eigentlich alleine mit der Beobachtung, dass überwiegend Männer das Feuer machen und den Grill bedienen? 😉

Anschließend kommen Würste, Steaks, Spareribs ebenso wie Gemüse und veganes Grillgut auf den Rost. Es bizzelt und zischt. Die Rauchschwaden tragen das Aroma des Essens in meine Nase und die nahe Umgebung. Meine Vorfreude auf das was da noch kommt steigt. Ich wende das Grillgut und freue mich, wenn ich es exakt beim Garpunkt vom Rost nehme. Allein beim Gedanken an den Geschmack des Grillgutes mit den Grillaromen, läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Wenn es meinen Liebsten oder Freunden anschließend noch schmeckt, freue ich mich einen Beitrag zum Wohlergehen der Gemeinschaft geleistet zu haben.

Des einen Freud‘ …

Vor über 20 Jahren allerdings, machte ich die Erfahrung, dass mein Spaß am Grillfeuer nicht unbedingt ansteckend ist. Vor allem dann nicht, wenn Nachbarn in dem Moment ihre frischgewaschene Wäsche zum Trocknen draußen hängen haben, wenn ich das Grillfeuer entfache. An die nicht sehr gewaltfreien Worte meines Nachbarn kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Irgendwas in der Art von „Du spinnst wohl“ und „Siehst Du denn nicht, dass…“ war jedoch dabei. Ichfühlte mich so schuldig, dass ich seit dieser Zeit meiner Umwelt gegenüber achtsamer bin. Bevor ich heute ein Grillfeuer entzünde schaue ich erstmal in die Umgebung, ob irgendwo Wäsche hängt oder die Nachbarn in anderer Form durch mein Grillen beeinträchtigt sein könnten. Wenn ja, frage ich wie sich meine Lust nach Gegrilltem mit deren Interessen vereinbaren lässt.

Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Schreibt gerne was in den Kommentar.

Empathie – Power für die Seele

Löwenzahl, Pusteblume

Wenn ein Mensch in keiner guten seelischen Verfassung ist, Kummer trägt, sich schuldig fühlt oder schämt, sich fürchtet oder seinem Ärger Luft macht, ist Empathie ein wirksames Mittel, um die Seele mit frischer Power zu versorgen.

Was ist eigentlich Empathie? Empathie oder auch Einfühlung ist ein menschliches Bedürfnis und entfacht neue Lebensenergie für denjenigen der nach schwierigen Momenten empathisch gehört wird. Dazu brauche ich in erster Linie völlige Präsenz und Aufmerksamkeit, um eine Verbindung zu meinem Gegenüber herzustellen. Damit kann er auch die Verbindung zu sich selbst wieder herstellen. Die Verbindung stelle ich her indem ich zuhöre ohne die Situation des Anderen zu analysieren oder darüber nachzudenken was ich denn selbst als Nächstes sagen möchte. Beim Zuhören richte ich meinen Fokus darauf, welche Bedürfnisse in Schieflage geraten sind, um zu unterstützen die Gedanken des Leidtragenden zu ordnen. Dazu äußere ich so knapp wie möglich meine Vermutungen über ihre oder seine unerfüllten Bedürfnisse.

Das klingt erstmal einfach und ist gleichzeitig schwierig, weil wir häufig anderes gewöhnt sind. Wer kennt nicht die typischen Klassiker aus der eigenen Kindheit wie z.B. „Bis Du heiratest, ist es vergessen!“, „Ach, das hätte noch viel schlimmer kommen können“, „Das kann doch jedem Mal passieren“ usw. Das ein oder andere davon habe ich sowohl selbst gehört als auch angewendet. Das war jedoch eher ein Quick-Fix, in der Hoffnung schnell Abhilfe oder Lösungen zu schaffen als eine nachhaltige empathische Reaktion.

Wenn jemand verzweifelt ist, weil er zum Beispiel aufgrund einer Kündigung den Job verloren hat , drehen sich die Gedanken vielleicht um “ Ich habe mich doch immer eingesetzt! Warum ich?“ Als Zuhörer mag man vielleicht gerne Unterstützen darauf Antworten zu finden, jedoch ist es noch zu früh, solange der Schmerz noch groß ist. Um den Fokus einfühlsam auf das Bedürfnis zu richten, empfiehlt es sich eher zu fragen: „Bist Du verunsichert und weißt jetzt gerade nicht wie es weitergeht?“ Falls die Frage bejaht werden kann, wird auch eine erste Erleichterung wahrnehmbar sein.

Erleichterung heißt nicht, dass das Problem verschwunden ist, aber es ist ein Schritt in dieser Richtung. Vermutlich kommen noch weitere Gedanken hinzu, die ebenfalls geäußert und vor allem gehört werden wollen. Wenn alle Bedürfnisse, oder zumindest die meisten, auf dem Tisch liegen und nichts mehr gehört werden will, ist eine Klarheit geschaffen, die es ermöglicht zu fragen was es als Nächstes braucht.

Vielleicht ist es

  • Trost, um weitere Erleichterung zu schaffen und auch meine Gedanken und Gefühle zu dem Umstand zu äußern oder
  • Sympathie und ich teile mein eigenes Erleben in der Situation mit oder schildere wie ich in ähnlicher Situation gefühlt habe oder
  • ein praktischer Ratschlag was ich in der Lage tun würde.

Was auch immer es ist, das sollte der Leidtragende entscheiden!

Empathisches Zuhören üben

Empathie lässt sich mit je zwei Personen ( A und B) gerade auch außerhalb dramatischer Situationen leicht üben:

  • A erzählt 5 Minuten lang über das was gerade anliegt und B hört aufmerksam auf Gefühle und Bedürfnisse ohne Fragen zu stellen oder Notizen zu machen
  • B äußert 3 Minuten die vermutlich gehörten Gefühle und Bedürfnisse
  • A und B tauschen sich 2 Minuten darüber aus
  • B und A wechseln die Rollen, d.h. B erzählt 5 Minuten lang über ein Ereignis etc

Wer das Empathische Zuhören eine Weile geübt hat wird vielleicht auch erkennen, dass „Empathie – Berühren ohne Anzufassen“ ist.

Magische Kraft des Toilettenpapiers

Toilettenpapier, Klorolle

Kaum war die närrische Faschingszeit zu Ende kamen bereits erste Meldungen über Hamsterkäufe. In den Nachrichten war zu lesen, dass die Menschen deutschlandweit mehr als dreimal soviel Klopapier kaufen wie im Durchschnitt der vorherigen sechs Monate. Ich war zunächst erstaunt und gleichzeitig wurde mir über den Zeitverlauf hinweg bewusst wie sehr meine eigenen Gedanken Einfluss auf mein inneres emotionales Erleben haben und das möchte ich gerne teilen:

Zuerst war ich erheitert darüber und hatte Spaß mich im Freundeskreis darüber zu amüsieren. Irgendwie fiel mir dazu auch das Klopapier-Lied aus meiner Kinderzeit ein: „Es saßen zwei Gestalten auf dem Donnerbalken und sie schrien nach Klopapier…“. Im Verlauf des Liedes gesellten sich immer mehr dazu bis der Zehnte nun das Ersehnte, nämlich Klopapier, brachte. Ich hatte auch gut lachen, denn ich noch hatte ich ein paar Rollen in Reserve.

Zwei Wochen später nahm nahm ich die letzte Rolle aus dem Regal und mein Vorrat war am Ende. Ich war zuversichtlich, dass ich beim nächsten Einkauf wie gewohnt etwas in den Regalen finden würde. Um ganz sicher zu gehen, dass ich daran denke, schrieb ich mir Klopapier auf den Einkaufszettel. Immerhin ist Klopapier die effizienteste Möglichkeit zur Reinlichkeit nach der Entsorgung der körpereigenen Endprodukte.

Ernüchterung

Leere Regale

Als ich im Supermarkt war sah ich leere Regale und war verunsichert, denn dieser Anblick war mir bis dato unbekannt. Ich brauchte Klarheit und entschied mich das Personal zu fragen, wann mit einer Neulieferung zu rechnen sei. Am kommenden Morgen bei Ladenöffnung sei die neue Lieferung im Regal zu finden. Wenn ich nicht pünktlich kommen würde, ginge ich leer aus, denn erfahrungsgemäß sei binnen 10 Minuten der Vorrat verkauft. Ich war bestürzt als ich das hörte und beschloss am kommenden Morgen um 8:00 Uhr vor dem Laden zu sein.

Ich organisierte meinen Tag so, dass ich um kurz vor 8:00 Uhr vor dem Drogeriemarkt war und sah betrübt in die teils sorgen- und teils hoffnungsvollen Gesichter der Menschenmasse, die sich traubenförmig in respektvollem Abstand von 1.50m vor der Eingangstüre versammelte . Gleichzeitig fühlte ich mich schuldig und beschämt zu in etwa gleichen Teilen. Schuldig dafür, dass ich mich noch vor wenigen Wochen über die Hamsterkäufe amüsierte und beschämt darüber, dass ich nun in den gleichen Reihen stehe. Schließlich entspricht es nicht gerade meinem Selbstbild als Hamster gesehen zu werden.

Froh und erleichtert verließ ich den Laden, denn ich ergatterte eine Packung die meinen Bedarf gemäß dem Blitzrechner für Toilettenpapier für die kommenden 60 Tage reichen sollte. Mit Selbsteinfühlung wertschätzte ich, dass ich meinen Werten entsprechend nur meinen Mindestbedarf sicherte, so dass für andere auch noch etwas übrig war. So war ich völlig mit mir im Einklang und hoffnungsvoll, dass sich die Corona Pandemie bis zum nächsten Einkauf entspannt.

Wie ergeht es Dir in der Zeit dieser Pandemie? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Was hält mich in Gefangenschaft?

Was hält mich in Gefangenschaft, Ketten St. Leonard de Noblat

Im Jahr 2013 pilgerte ich von Bad Soden im Taunus nach Santiago di Composela im Nordwesten Spaniens. Kurz vor Limoges passierte den Ort Saint-Léonard-de-Noblat, welches nach dem gleichnamigen Heiligen benannt wurde. Saint-Léonard-de-Noblat kennzeichnete sich dadurch aus, dass er Gefangene freikaufte, um sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. So ist er heute der Schutzheilige derer die in Ketten liegen: der Gefangenen.

Auf dem Weg inspirierte mich die Geschichte des Heiligen Leonard darüber nachzudenken, was mich in meinem Leben gefangen hält und davon abhält ein selbstbestimmtes, freies Leben zu führen. Ebenso besinne ich mich jedes Jahr besonders am Aschermittwoch darauf, was mich gefangen hält. Ganz besonders sind es die täglichen Dinge die einfach zur Gewohnheit wurden. Wie zum Beispiel die tägliche Tüte Chips, das Feierabend-Bier in der Kneipe nebenan, das geistige Abschalten vor dem oft zu anspruchslosen Fernsehprogramm.

Einerseits sind Gewohnheiten etwas ganz Praktisches. Es sind eingespielte Rituale, wie das morgendliche Zähneputzen über das ich gar nicht lange nachdenken muss. Rituale verlaufen nahezu automatisch, geben dem Tagesablauf Struktur und Sicherheit, entwickelten sich so zur Normalität und sind Wege, um mir unbewusst irgendwelche Bedürfnisse zu erfüllen.

Das tägliche Zähneputzen und die Morgentoilette sind Strategien, um mein Bedürfnis nach Gesundheit zu erfüllen und die Besuche beim Zahnarzt zu reduzieren. Das tägliche Feierabend-Bier hingegen erfüllt mein Bedürfnis nach Entspannung, manchmal auch nach Gemeinschaft und gleichzeitig ist es der Gesundheit nicht unbedingt dienlich.

Ausbrechen aus Gewohnheiten

Wenn ich entdecke, welche Gewohnheit mich „gefangen“ hält, kann ich gleichermaßen erforschen, welches Bedürfnis ich mir dadurch erfülle und wenn ich das wahre Bedürfnis erkenne, kann ich mir alternative Strategien ausdenken, um mir das Bedürfnis zu erfüllen und so aus meinem Gefängnis ausbrechen.

D.h. in folgenden Schritten kommst Du aus Deinem Gefängnis raus:

  1. Was ist die unerwünschte Gewohnheit? (z. B. die Kalorienbombe nach dem Essen, der Kaffee am Morgen, „unnötige“ Besprechungen besuchen, etc)
  2. Erforsche: Welches Bedürfnis erfüllst Du Dir durch diese Gewohnheit?
  3. Welche anderen Möglichkeiten gibt es, um Dir das Bedürfnis zu erfüllen?
  4. Prüfe: Gibt es weitere Bedürfnisse, die Du Dir durch die unerwünschte Gewohnheit erfüllst und welche Möglichkeiten gibt es dafür?
  5. Prüfe: Wie fühlt es sich an aus dem Gefängnis der unerwünschten Gewohnheiten auszubrechen? (Wenn „leicht“ dabei ist, ist das gewollt 😉 )
  6. Was ist Dein konkreter nächster Schritt bzw. Deine Bitte an Dich, um neue Wege zu gehen?

Zugegeben, es mag sich leichter lesen als in Wirklichkeit umzusetzen ist. Der Weg aus dem eigenen Gefängnis wird jedoch in der Regel durch mehr Lebensgefühl und ein weiteren Schritt hin zu einem selbstbestimmteren Leben belohnt.

Trinkgeld – Wieviel ist genug?

Trinkgeld

Wenn mir im Restaurant das Essen lecker geschmeckt hat, nach dem Friseurbesuch meine Frisur wieder sitzt oder wenn mich der Taxifahrer unfallfrei und pünktlich zum Zielort gefahren hat, ist es irgendwie üblich noch ein Trinkgeld zu geben. Wie viel Trinkgeld ist genug und nach welchen Kriterien lässt sich Trinkgeld bemessen? In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken dazu teilen und klären wie Trinkgeld geben mit Selbsteinfühlung verbunden ist.

Zur Illustration stelle ich mir als Beispiel einen Restaurantbesuch vor: Ich komme alleine, mit meiner Partnerin, Freunden, Geschäftspartnern oder Arbeitskollegen in ein Restaurant. Meinen ersten Eindruck des Service bestimmt die Freundlichkeit der Begrüßung. Als nächstes erhalte ich die Speisekarte, wähle Getränke und Essen und zwischendrin warte ich ein paar lange oder auch kurze Moment. Ich bekomme Getränke und Speisen serviert, verzehre mit mehr oder weniger Genuss und irgendwann bin ich fertig und bestelle die Rechnung. Die Bedienung kommt mit der Rechnung an den Tisch und nennt mir den Betrag. Es folgt ein kurzer, stiller, unwiderruflicher Moment der Wahrheit und des authentischen Selbstausdrucks zwischen mir und der Bedienung. Jetzt gilt es Farbe zu bekennen und die Höhe des Trinkgeldes zu benennen.

Was ist üblich?

Wenn ich mich unabhängig von meiner Zufriedenheit mit dem Service, denn darum geht es, einfach an einem gesellschaftlichen Rahmen orientieren möchte gebe ich in Deutschland angemessenen 5-10% der Rechnungssumme. Ähnlich verhält es sich im Rest von Europa. Biete ich in China Trinkgeld an, wird es als Beleidigung empfunden. In den Vereinigten Staaten hingegen, ist es eine Beleidigung, wenn das Trinkgeld geringer als 10-20% ausfällt. So gelten in anderen Ländern eben auch andere Sitten. Wenn mich nun jemand fragen würde woran ich das Trinkgeld bemessen habe, könnte ich antworten: „….weil es so üblich ist„. Damit zeige ich mich als Mensch, der sich gerne an gesellschaftlichen Regeln hält. Wenn ich nun trotz miserabler Servicequalität doch etwas gegeben habe, ärgere ich mich später auch noch darüber, dass ich überhaupt etwas gegeben habe.

Dr. Marshall B. Rosenberg, der Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation, sagte augenscheinlich einmal: „Tue alles nur mit der Freude eines kleinen Kindes, das eine hungrige Ente füttert.“ Mir gefällt dieser Ansatz auch beim Bemessen des Trinkgeldes. Denn ich gebe alsTrinkgeld gerne, was ich auch mit Freude geben möchte, um mich authentisch zu zeigen.

Was gebe ich mit Freude?

Ich finde es einfach spannend mir bereits im Vorfeld ein wenig Selbsteinfühlung zu geben und mir selbst folgende Frage zu beantworten. Was hat in meinem inneren und äußeren Erleben dazu geführt, dass meine Bedürfnisse erfüllt wurden?

Wenn ich mit einem Lächeln und einem netten „Hallo“ begrüßt werde, fühle ich mich als Gast wahrgenommen und willkommen. Wenn die Wartezeiten angemessen sind, d.h. ich warte weniger als 5 Minuten auf die Karte und nach Bestellung weniger als 30 Minuten auf das Essen, bin ich zufrieden und mein Bedürfnis nach Effizienz (gerade in der Mittagspause) wurde erfüllt. Warte ich hingegen länger, frage ich mich wo das Essen bleibt und bin erst verwundert und dann genervt, was keine gute Ausgangsbasis für ein üppiges Trinkgeld ist. Für die Qualität des Essens möchte ich die Bedienung nicht verantwortlich machen, wohl aber mit der Art und Weise wie sie mit Kritik umgeht.

Die Höhe des Trinkgeldes bestimmt schließlich mein Gesamteindruck. Wie hat die Bedienung dazu beigetragen, dass ich mich wohlfühlte und mein Bedürfnis nach Wertschätzung erfüllt wurde. Wenn ich die Rechnung begleiche und der Bedienung in die Augen schaue und „Danke“ sage, bin ich froh, auch durch das Trinkgeld meine Wertschätzung gegenüber der Qualität des Services ausdrücken zu können. So wird das Trinkgeld zu einem gewissen Ausgleich: Mein Aufenthalt wurde durch die Bedienung angenehm gestaltet und durch das Trinkgeld möchte ich versuchen das Leben der Bedienung auch ein wenig angenehmer zu gestalten. Somit wird aus das „Trinkgeld aus Pflicht“ eine Strategie meine Wertschätzung auszudrücken. Eine Win-Win-Situation.

Was tun bei Unzufriedenheit?

Was ist zu tun, wenn ich völlig unzufrieden war? Auch hier empfehle ich die Selbsteinfühlung. Welche Bedürfnisse sind während meines Aufenthaltes in Mangel geraten? War es das ungepflegte Äußere der Bedienung, das mir von vornherein den Appetit verdorben hat oder die Unaufmerksamkeit? Kann ich es klar benennen? Dann äußere ich es und leiste dadurch hoffentlich einen Beitrag zur Steigerung der Servicequalität künftiger Gäste.

Bei anderen Menschen spielen beim Trinkgeld vielleicht noch andere Faktoren eine Rolle. Fällt die Höhe meines Trinkgeldes anders aus, wenn ich mit meiner Partnerin oder in Gesellschaft mit Freunden unterwegs bin? Will ich als Geizhals oder als großzügiger Mensch gesehen werden? Welche Rolle spielt die Attraktivität der Bedienung?

Wie gehst Du mit Trinkgeld um? Ich freue mich auf Deine Kommentare!

Skiurlaub oder Winterurlaub?

Dachsteinblick, Alpen, Winterurlaub

Warst Du schon mal im Skiurlaub? Ich fuhr einige Jahre lang Anfang Januar in den Skiurlaub und habe es genossen mit meinen Abfahrtsskiern schwungvoll ins Tal zu fahren. Skiurlaub bedeutete für mich immer bereits nach der Ankunft ein kleines „Vermögen“ gegen einen Mehrtages-Skipass einzutauschen und Skier für die Woche auszuleihen. Bei den Kosten für den Skipass wollte ich diesen auch maximal ausnutzen, d.h. so früh wie möglich auf die Piste und möglichst erst mit dem letzten Lift zurück.

Im Laufe der Jahre verlor ich irgendwie die Lust in den Skiurlaub zu fahren. Einerseits gewann ich den Eindruck, dass die Schneesicherheit nicht mehr gegeben war und kam häufig in Situationen, dass zu wenig Schnee lag, die Sessellifte und Gondelbahnen aufgrund von Winden nicht betrieben werden konnten oder heftiger Schneefall die Sicht und somit die Abfahrt erschwerte. Andererseits stresste ich mich selbst im Urlaub, weil ich in dem Glauben gefangen war, dass ich im Skiurlaub auch bei widrigsten Bedingungen Skifahren und den Skipass bis zum Ende ausreizen muss, um den Erholungseffekt zu maximieren.

In diesem Winter wurde mir klar, dass mein wesentliches Bedürfnis des Skiurlaubs gar nicht die Anregung durch das Skifahren war sondern die Erholung und die Gemeinschaft mit der ich unterwegs war. Ich löste meinen Glaubenssatz auf und beschloss anstelle in den Skiurlaub in den Winterurlaub zu fahren. Dadurch ergaben sich völlig neue Möglichkeiten! Ich unternahm entschleunigende Winterwanderungen, genoss das Panorama auf dem Dachsteingletscher, probierte Schneeschuhe aus, blieb bei Schneefällen lesend im Zimmer und nutze das sonnige Wetter auch zum Abfahrtsskifahren.

Das ist es doch eigentlich: wegkommen von einschränkenden Glaubenssätzen, hin zur Vielzahl an Möglichkeiten die eigentlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Welche Glaubenssätze schränken Dich ein? Welche würdest Du gerne wandeln? Ich freue mich über Deinen Kommentare