Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

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Egoisten und Idioten

Personen die sich gegenseitig einen Vogel zeigen.

Von Urteilen zu Bedürfnissen – Die Brücke zum Verstehen

Nach unserem letzten Kapitel über persönliche Verantwortung für Gefühle denkst du vielleicht: “Das ist ja alles schön und gut, ABER es gibt doch genug Idioten da draußen, die mit ihrem Müll die Landschaft versauen und genug Egoisten, die einfach nur an sich und ihre eigene Karriere denken und sich kein bisschen um die anderen scheren. So Typen bringen mich einfach auf die Palme. Da bin ich einfach nur fassungslos.”

So wie neulich. Ich war schon spät dran und stand im Feierabendverkehr an einer roten Ampel. Da zog ein SUV auf der Abbiegespur rechts an mir vorbei und drägelte sich mit blinkender Arroganz vor mir ich die Geradeausspur. Ich war sowas von sauer und dachte “Was für ein rücksichtsloser Egoist!” Kennst Du solche Momente, in denen du dich über jemanden aufregst, weil er sich scheinbar völlig daneben benmimmt? Vielleicht weil er den letzten Parkplatz wegschnappt oder sich in der Teamsitzung den Besserwisser gibt?

Diese Gedanken sind vollkommen verständlich und menschlich. Sie zeigen dir aber auch einen entscheidenden Punkt: den Moment, in dem du dich entscheiden kannst, ob du bei der Bewertung und Verurteilung anderer stehen bleibst oder einen Schritt weitergehst – vom Urteil zum Bedürfnis.

Urteile sind Wegweiser zu deinen Bedürfnissen

Wenn du Menschen als “Idioten”, “Egoisten” oder “Intriganten” bezeichnest, dann urteilst du über ihre Person. Das ist zunächst völlig normal und menschlich. Doch diese Urteile haben einen entscheidenden Haken: Sie trennen dich von anderen Menschen und machen echte Verbindung unmöglich.

Aber hier ist die gute Nachricht: Jedes Urteil ist ein Wegweiser zu einem unerfüllten Bedürfnis in dir. Wenn du lernst, diese Übersetzung zu machen, öffnet sich eine völlig neue Welt des Verstehens.

Wichtig: Falls du zu aufgewühlt oder wütend bist, um klar zu denken, mach erst drei tiefe Atemzüge. Spüre, was in dir vorgeht, bevor du zu übersetzen beginnst. Diese Übersetzungskunst braucht Übung – sei geduldig mit dir.

Die Übersetzungskunst: Von Urteilen zu Bedürfnissen

Wenn du das nächste Mal jemanden mit einem Schimpfwort betitelst oder eine Idee verurteilst, dann fragst du dich:
“Was genau macht dieses Verhalten mit mir? Welches meiner Bedürfnisse wird hier nicht erfüllt?”

Schimpfworte entschlüsseln

Jedes Schimpfwort, mit dem du eine Person belegst, um Deinem Ärger Luft zu machen und auszudrücken was Du von dieser Person hältst, enthält Information über deine Werte. Hier sind ein paar Beispiele

  • “Das ist ein Idiot!”: Ein Idiot ist für dich jemand, der sich in deinen Augen dumm verhält oder unüberlegt handelt.
    Dein Bedürfnis: Du brauchst überlegtes Handeln, Klarheit und qualifizierte Entscheidungen. Vielleicht willst du auch verstehen, weshalb der Mensch so handelt.
  • “Das ist ein Spinner!” Ein Spinner ist für dich jemand, der verrückt und unlogisch handelt.
    Dein Bedürfnis: Du brauchst Klarheit und Struktur für machbare Ergebnisse.
  • “Das ist ein Egoist!”: Ein Egoist ist für dich jemand, der nur sich selbst im Blick hat.
    Dein Bedürfnis: Dir ist wichtig, dass Menschen auch andere im Blick haben. Du brauchst Rücksichtnahme, Fairness und Gemeinschaftsgefühl.
  • “Das ist ein Schwächling!”: Ein Schwächling ist für dich jemand, der keine Kraft hat und keine Courage zeigt.
    Dein Bedürfnis: Dir sind Mut, Stärke und Durchsetzungsvermögen wichtig. Du brauchst Menschen, die zu ihren Überzeugungen stehen.
  • “Das ist ein Besserwisser!”: Ein Besserwisser ist für dich jemand, der immer recht haben will.
    Dein Bedürfnis: Dir sind Dialog, Lernbereitschaft und Offenheit wichtig. Dir ist wichtig, dass alles Seiten mit Respekt gehört werden..
  • “Das ist so ein Intrigant!”: Ein Intrigant ist für Dich jemand, der andere in schlechtes Licht rückt und sich selbst Vorteile davon verspricht.
    Dein Bedürfnis: Dir ist Aufrichtigkeit, Fairness und Respekt wichtig, damit bei Konflikten auch alle Seiten gehört werden.

Killerphrasen übersetzen

Killerphrasen haben in der Regel den Zweck Diskussionen rasch zu beenden und Ideen ohne fundierte Argumente aus dem Bauch heraus zu entkräften. Auch Killerphrasen kannst du in Bedürfnisse übersetzen:

  • “Das ist doch Blödsinn!” Eine Behauptung ist für Dich aus der Luft gegriffen.
    Dein Bedürfnis: Dir sind Nachvollziehbarkeit und Logik wichtig. Du brauchst Klarheit und fundierte Argumente.
  • “Das ist völlig unrealistisch!”: Eine Idee ist für Dich nicht umsetzbar.
    Dein Bedürfnis: Dir sind Machbarkeit und Praxisnähe wichtig. Du brauchst umsetzbare Lösungen.
  • “Das ist total unfair!”: Es ist unfair, wenn andere Menschen übervorteilt werden ohne dass Du es nachvollziehen kannst
    Dein Bedürfnis: Dir sind Gerechtigkeit und Gleichbehandlung wichtig. Du brauchst faire Prozesse und Chancengleichheit.
  • “Das ist so oberflächlich!”
    Dein Bedürfnis: Dir sind Tiefe und Substanz wichtig. Du brauchst durchdachte, fundierte Ansätze.

Übersetzungsschritte

Du kannst prinzipiell folgenden Schritte anwenden, wenn Du das Bedürfnis hinter einem Urteil herausfinden möchtest:

Schritt1: Wann immer Du Schimpfwörter oder Kraftausdrücke verwenden möchtest, dann ergänze diese mit Eigenschaftswörtern, die das Verhalten noch besser beschreiben z.B. “arroganter Affe”, “feiger Angsthase”, “planloser Chaot”, “gedankenloser Hohlkopf” usw. Gerade die starken, emotionalen Urteile sind besonders aufschlussreich. Sie zeigen dir, wo deine wichtigsten Werte liegen. Je heftiger deine emotionale Reaktion, desto zentraler ist oft das dahinterliegende Bedürfnis für dich.

Schritt 2: Verwende das Gegenteil des Eigenschaftswortes welches das gewünschte Verhalten beschreibt. Dies führt Dich tendenziell zu Deinem Bedürfniss. Nutze zur Orientierung die nachfolgende Tabelle und verwende meine Bedürfnisliste:

Negatives EigenschaftswortGegenteil (was ich mir wünsche)Mögliches Bedürfnis
AggressivFriedlich, besonnenSicherheit, Frieden, Harmonie
AufdringlichRespektvoll, zurückhaltendRaum, Grenzen, Respekt
ArrogantBescheiden, demütigRespekt, Augenhöhe, Demut
ChaotischOrdentlich, strukturiertOrdnung, Struktur, Klarheit
EgoistischRücksichtsvoll, solidarischRücksichtnahme, Verbindung
FaulEngagiert, fleißigEngagement, Zuverlässigkeit, Beitrag
FeigeMutig, couragiertMut, Stärke, Rückgrat
IgnorantAufmerksam, interessiertOffenheit, Verstehen, Aufmerksamkeit
GeizigGroßzügig, freigiebigGroßzügigkeit, Teilen, Fairness
GleichgültigAnteilnehmend, interessiertAnteilnahme, Interesse, Verbindung
IntolerantTolerant, offenAkzeptanz, Offenheit, Verständnis
ManipulativEhrlich, transparentEhrlichkeit, Transparenz, Vertrauen
OberflächlichTiefgehend, substanziellTiefe, Substanz, Authentizität
PedantischFlexibel, entspanntFlexibilität, Leichtigkeit, Flow
PessimistischOptimistisch, hoffnungsvollHoffnung, Zuversicht, Möglichkeiten
RespektlosRespektvoll, höflichWürde, Anerkennung, Wertschätzung
SchwachStark, couragiertStärke, Mut, Kraft
UnehrlichEhrlich, aufrichtigWahrheit, Transparenz, Vertrauen
UnsicherSicher, selbstbewusstSicherheit, Vertrauen, Klarheit
UnzuverlässigVerlässlich, pünktlichVerlässlichkeit, Planbarkeit, Vertrauen

Die befreiende Erkenntnis

Wenn du diese Übersetzung deiner Zuschreibungen machst, erkennst du: Es geht nie wirklich um die andere Person, sondern um deine eigenen Werte und Bedürfnisse. Die anderen Menschen handeln nach ihren Werten, die sind nur andere als deine.

Der Ausdruck von Schimpfwörtern oder Killerphrasen mag zwar für eine kurzfristig Entlastung deines Ärgers über eine Person sorgen, verändert jedoch nicht die Situation. Ich sehe es auch als völlig normal an, dass man sich über andere ärgert und Schimpfworte oder Kraftausdrücke verwendet. In der GFK heißt das Wolfsshow.

Deine Urteile sind völlig normal und auch legitim. Ich möchte auch klarstellen, dass es völlig ok ist diese Urteile zu haben. Wenn es nach den Urteilen nicht weitergeht bleibe ich in einer Sackgasse stecken. Der Weg aus dieser Sackgasse zurück in die Handlungsfähigkeit führt über die Bedürfnisse.

Wichtiger Hinweis: Das bedeutet nicht, dass du alles akzeptieren musst oder dass es keine Grenzen gibt. Auch bei unterschiedlichen Werten kannst du deine Bedürfnisse ansprechen und für faire Lösungen sorgen. In manchen Situationen, besonders bei Machtmissbrauch oder in hierarchischen Strukturen, sind zusätzliche Strategien nötig.

Praktische Übung: Deine persönliche Urteilsliste

  1. Sammle deine Top-5-Urteile: Welche Adjektive verwendest du am häufigsten, wenn du dich über andere ärgerst? Notiere ein paar Deiner favorisierten Schimpfworte oder Killerphrasen.
  2. Übersetze sie: Was ist dir jeweils wichtig? Welches Bedürfnis steckt dahinter?
  3. Erkenne deine Werte: Diese Bedürfnisse zeigen dir deine wichtigsten Lebenswerte.
  4. Übe Geduld: Es ist völlig normal, wenn das anfangs schwer fällt. Jeder braucht Zeit, um das entsprechende Mindset zu entwickeln.

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

  • Urteile sind Wegweiser: Jedes Urteil ist der verzweifelte Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.
  • Kraftvolle Adjektive sind besonders wertvoll: Je emotionaler deine Reaktion, desto wichtiger ist oft der dahinterliegende Wert.
  • Es geht um deine Werte: Andere haben einfach andere Prioritäten als du.
  • Übung macht den Meister: Sammle deine häufigsten Urteile und übersetze sie.
  • Grenzen bleiben wichtig: Verstehen bedeutet nicht alles akzeptieren.

Dein nächster Schritt

Du hast jetzt gelernt, wie du Urteile in Bedürfnisse übersetzt. Aber was machst du, wenn du so aufgewühlt, verletzt oder wütend bist, dass du nicht klar denken kannst? Wenn die Emotionen so stark sind, dass du erst einmal zu dir selbst finden musst?

Im nächsten Kapitel über Selbsteinfühlung lernst du, wie du auch in emotionalen Stürmen bei dir ankommst. Du erfährst, wie du ausgehend von Beobachtungen, Urteilen und unangenehmen Gefühlen einfühlsam herausfindest, was du wirklich brauchst – auch wenn alles in dir tobt und du am liebsten explodieren möchtest.