Und wie jedes Jahr beginne ich meinen Jahresrückblick am liebsten mit: “Das Jahr 2025 neigt sich dem Ende zu.” Wie in den vergangenen Jahren blicke ich wieder dankbar auf die letzten zwölf Monate zurück und reflektiere das, was war. Es war ein Jahr mit Herausforderungen, persönlichen Entwicklungen und intensiven Erfahrungen. Die Erkundung neuer Regionen und das Erlernen des Improtheaterspiels trugen zu meinem persönlichen Wachstum bei. Die Grundprinzipien des Improtheaters – annehmen was ist, erst einmal “Ja” sagen zu dem, was das Gegenüber einbringt, und daraus gemeinsam etwas Neues entwickeln – erinnern auch an die Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation, denn so bleiben auch Gespräche im Fluss.
Ich feierte das fünfte Jahr der Online GFK-Übungsgruppe, die Trainings und die Mediationen. Neben den öffentlichen Seminaren zur Empathischen und Effektiven Kommunikation beim VBV Hofheim und VHS Main-Taunus durfte durfte ich auch GFK-Trainings für das Kollegium einer integrativen Grundschule durchführen sowie Supervisionen in einer Kindertagesstätte leiten.
Nun möchte ich die Höhepunkte dieses Jahres mit dir teilen – Monat für Monat.
Januar und Februar
Nach einer ausgelassenen Silvesterfeier begann das Jahr ruhig und mit meinem Wunsch, tiefer in das Improtheater einzutauchen. Ich besuchte den Einsteigerworkshop im Künstlerhaus43 in Wiesbaden und erlernte fundiert die Grundlagen und unterschiedliche Spielformate. Dabei habe ich auch gelernt, was die Zuschauer brauchen: nämlich Klarheit, wen ich in meiner Rolle darstelle und wie die Beziehung zu meinen Mitspielern ist. Außerdem geht es darum, anderen Raum zu geben und “Ja” zu sagen zu dem, was kommt.
Im Vorfeld der Bundestagswahl empfand ich die Kommunikation der Kandidaten teilweise verstörend und teilweise beruhigend. Es wurde mir wieder deutlich bewusst, wie Sprache, Wortwahl und Körpersprache wirken und dadurch Vertrauen schaffen oder Zweifel säen können, je nachdem welche Behauptungen, welche Gefühle und Bedürfnisse sie ansprechen.
Die künstliche Intelligenz wird zwar intelligenter, aber mangels leibhaftiger Erfahrungen definitiv nicht menschlicher. Im Online Empathie-Meeting, meiner Übungsgruppe, thematisierte ich Empathie und KI im Februar.
März und April
Im März war bereits die Werkschau des Improtheaters, wo der Basiskurs sein Können präsentieren durfte. Die Herausforderung ist, dass alles im Moment geschieht und die Gedanken kommen oder auch nicht. Es war ein ungewohntes Gefühl, völlig unvorbereitet vor ein Publikum zu treten und mit den Begriffen aus dem Publikum irgendetwas aus dem Nichts entstehen zu lassen. Darauf bin ich stolz und das feiere ich auch.
Mit Beginn der Sommerzeit startete ich meine Bildungsreise nach Florenz. Ich vertiefte meine Italienischkenntnisse und genoss es, die Sprache in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Die Kunst, die Architektur, das Leben auf den Straßen – all das nährte mich. An einem Wochenende besuchte ich Bologna, welches mich mit seinen Arkadengängen verzückte. Wie ich später erfuhr, haben die Arkadengänge eine Gesamtlänge von über 40 Kilometern, sind UNESCO-Weltkulturerbe, und der vier Kilometer lange Arkadengang zum Heiligtum der Madonna di San Luca ist sogar der längste der Welt. Das Gefühl der Faszination war überwältigend. Die Leichtigkeit der italienischen Lebensart und die Schönheit beider Städte erfüllten mein Bedürfnis nach Inspiration und Verbindung mit Kultur und Menschen.
Mai
Wie in den vergangenen Jahren war ich als Racedirector für die Organisation und Durchführung des 10. Staufenlaufs verantwortlich. Im Vorfeld gab es dabei wieder einige Herausforderungen zu bewältigen, so mussten kurzfristig behördliche Genehmigungen eingeholt und eine Baustelle im Zieleinlauf entschärft werden. Dabei zeigte sich mir auch wieder, dass sich solche Herausforderungen nicht mit Druck, sondern besonnen mit Respekt und gegenseitigem Verständnis am besten lösen lassen. Am Ende war es eine erfolgreiche Veranstaltung, an der die Sportbegeisterten aller Altersklassen Spaß hatten, und mit den Startspenden konnten 5.000 Euro für wohltätige Zwecke gespendet werden.
Besonders dankbar bin ich für die zwischenmenschlichen Verbindungen und den Ausbau und die Pflege meines GFK-Trainer*innen-Netzwerks: Ende Mai durfte ich bei der Mitgliederversammlung des Fachverbands Gewaltfreie Kommunikation teilnehmen. Wenn ich diese mit Mitgliederversammlungen anderer Vereine vergleiche, fiel mir auf, dass sie trotz Unstimmigkeiten kurzweilig war. Das merkte ich vor allem daran, dass ich nicht alle fünf Minuten auf die Uhr schaute und das Ende herbeisehnte. Die unterschiedlichen Befindlichkeiten zu den Tagesordnungspunkten wurden auch auf der Ebene der Bedürfnisse gehört, und so blieb die Veranstaltung lebendig.
Juni
Im Juni erkundete ich Polen mit meinem Reisemobil und machte eine Erfahrung, die mich zutiefst berührte und erschütterte: den Besuch in Auschwitz. Die Geschichte des Holocaust kenne ich aus dem Geschichtsunterricht, aber das Ausmaß der Grausamkeit vor Ort zu sehen, ist etwas völlig anderes. Die Baracken, die Gleise, die persönlichen Gegenstände der Opfer – all das löste in mir eine tiefe Auseinandersetzung mit (Kollektiv-)Schuld und Scham aus.
Dort kam ich auch mit meinen eigenen Gefühlen in Kontakt – mit Trauer, Wut und einem tiefen Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Es bestärkte mich in der Forderung: Nie wieder. Diese Erfahrung erinnerte mich daran, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben und sich für eine Welt einzusetzen, in der Menschenrechte und Würde respektiert werden.
Dieser Einsatz braucht auch Mut. Mut, wie ihn die Solidarnosc-Bewegung auf dem Gelände der Danziger Werft zeigte und so den Grundstein für die Einigkeit Europas legte.
Juli und August
In den heißen Sommermonaten verweilte ich in heimischen Regionen und verbrachte viel Zeit in der Natur: beim Wandern, Radfahren oder beim Stand-up-Paddling auf einem ruhigen See. In der GFK-Übungsgruppe tauschten wir uns darüber aus, dass Urlaubsgefühle verankert werden können, indem emotionale Momente mit einem Reiz verknüpft werden.
September und Oktober
Im September zog es mich nach Apulien – eine Entdeckungsreise im besten Sinne. Das Land mit seinen weißen Städten, die herzlichen Menschen, die goldene Sonne und das köstliche Essen waren pure Lebensfreude. Ich genoss die Strände in Vieste und Gallipoli, durchstreifte die engen Gassen von Alberobello, bewunderte die Trulli und genoss es, einfach zu sein: ohne Plan, ohne Ziel, nur im Moment.
Diese Reise erfüllte mein Bedürfnis nach Leichtigkeit, Verbindung mit der Natur und dem Leben selbst. Es war ein wohltuender Kontrast zu den eher schweren Eindrücken der Bildungsreise nach Polen.
November
Ein Besuch im Schlaflabor brachte Klarheit: Schlafapnoe. Seit November gehört ein CPAP-Gerät zu meinem Alltag. Die Diagnose war zunächst ernüchternd, und die Anpassung an das Gerät ist eine Geduldsprobe. Ich bin frustriert von der Maske und dem Schlauch und hatte erst den Eindruck, dass ich nun unruhiger schlafe als zuvor. Dennoch freundete ich mich langsam mit dem Gerät an, und ich spüre gelegentliche Verbesserungen meines Schlafs, die mir auch durch meine Sportuhr bestätigt werden.
Diese Erfahrung erinnert mich daran, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und dass es manchmal Unterstützung braucht – auch wenn sie zunächst unbequem ist.
Vom Improtheaterspielen konnte ich noch immer nicht genug bekommen und hatte mich für einen weiteren Kurs bei der Affirmative angemeldet. Der Kurs ist nun zur Hälfte vorbei und ich lernte mit Begeisterung nicht nur neue Formate sondern auch die Kunst des Behauptens bei völliger Ahnungslosigkeit.
Dezember
Das Jahr ließ ich in Brandenburg ausklingen. Die Ruhe der Landschaft, ausgedehnte Wanderungen durch Wälder und entlang von Seen und die wohltuende Steintherme in Bad Belzig waren genau das Richtige zum Jahresabschluss. Die Wärme, die mich umgab, fühlte sich an wie eine Umarmung nach einem sonnigen Tag in der Kälte bei -8°C.
Besonders inspirierend war die Begegnung mit dem ZEGG – dem Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung. Hier lebt eine Gemeinschaft und erforscht im Kleinen, wie Gesellschaft mit gelingenden Beziehungen und bewusstem Umgang mit der Natur gestaltet werden kann. Ich sprach dort mit einigen Menschen über ihre Erfahrungen, ihre Herausforderungen und ihre Visionen. Es war ein Ort, an dem die Prinzipien, die ich im Improtheater lernte und aus der GFK kannte, gelebt werden: Offenheit, Authentizität und das Vertrauen darauf, dass Neues entstehen kann, wenn wir uns wirklich begegnen. In der radikalen Ehrlichkeit, die dort als Prinzip gelebt wird, entdeckte ich noch Wachstumspotenzial. Es ist ein Prozess, in dem alle Lügen – auch diejenigen, die wir uns selbst erzählen – gnadenlos aufgedeckt werden.
Diese Gespräche machten Lust auf mehr und ließen mich mit vielen Fragen und Impulsen ins neue Jahr gehen. Was wäre möglich, wenn wir anders miteinander umgehen würden? Wie können wir Räume schaffen, in denen Menschen sich wirklich zeigen können? Diese Fragen begleiten mich weiter.
Nachdenkliche Ausblicke
2025 war ein Jahr voller Kontraste: zwischen Leichtigkeit und Schwere, zwischen persönlichem Wachstum und weltpolitischer Unruhe, zwischen Akzeptanz und dem Ringen mit neuen Herausforderungen. Ein Jahr, das mich gelehrt hat, noch mehr im Moment zu sein – ganz im Sinne des Improtheaters: Ja sagen zu dem, was kommt, und daraus etwas gestalten.
Die Entwicklungen in der Welt unter anderem mit einigen Krisenherden und Trump in den USA machen mich nachdenklich und bedrückt. Sie erinnern mich daran, wie fragil Frieden ist und wie wichtig es ist, im Kleinen für Verständigung und Verbindung zu arbeiten. Vielleicht können kleine positive Veränderungen in unserem unmittelbaren Umfeld auch ausstrahlen und einen Beitrag zu einer friedlicheren Welt leisten.
In meiner Arbeit als Mediator, Trainer und Supervisor konnte ich in manchen Fällen Unstimmigkeiten befrieden, Klarheit schaffen und neue Wege aufzeigen. Kleine Erfolge, die mich dankbar machen und mich meine eigene Wirksamkeit in der Welt erleben lassen.
Die Begegnung mit dem ZEGG hat in mir die Frage verstärkt, wie wir Gesellschaft anders gestalten können – mit mehr Verbindung, mehr Bewusstsein und mehr Vertrauen in das, was entstehen kann, wenn wir uns wirklich begegnen. Diese Frage nehme ich mit ins neue Jahr, voller Neugier und Hoffnung auf das, was möglich ist.
Auch wenn auf der Weltbühne präsentiert wird, dass sich Veränderungen nur durch den Einsatz von Kraft, Gewalt und Stärke umsetzen lassen, so bin ich noch immer der Überzeugung, dass die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation, das Wahrnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse und empathischer Umgang mit unseren Mitmenschen und uns selbst Frieden schaffen.
Mögen wir alle den Mut finden, Ja zu sagen zum Leben in all seinen Facetten – und gemeinsam etwas Neues zu gestalten.


