Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

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Wer lenkt den Bus

Bus Lenken

Warum du nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bist

Kennst Du das auch? Du willst jemandem etwas mitteilen, was dir wirklich auf dem Herzen liegt. Gleichzeitig denkst du: “Was, wenn ich die Person damit verletze? Was, wenn sie schlecht reagiert? Kann ich mit ihrer Enttäuschung, ihrer Wut oder ihren Tränen umgehen?”

Also schweigst du. Und hoffst insgeheim, dass mit der Zeit Gras über die Sache wächst. Aber das tut es meist nicht, oder? Stattdessen nagt es an dir, wird größer, schwerer. Du gehst der Person aus dem Weg, die Beziehung wird distanzierter, und trotzdem trägst du dieses unausgesprochene Thema mit dir herum.

In deinem Kopf spielst du verschiedene Szenarien durch: Sie könnte weinen, sich zurückziehen, wütend werden oder dich ablehnen. Du stellst dir vor, wie sie reagieren wird, und fühlst dich bereits verantwortlich für Gefühle, die noch gar nicht zum Vorschein kamen.

Wer lenkt hier eigentlich den Bus? Du glaubst, mit deinen Worten könntest du die andere Person direkt in Traurigkeit, Ärger oder Enttäuschung steuern. Aber ist das wirklich so?

Sandra, die Hauptabteilungsleiterin kannte dieses Dilemma nur zu gut. Vor längerer Zeit wollte sie ihrem Mitarbeiter Wolfgang mitteilen, dass sein Projekt nicht das gewünschte Ergebnis erzielt hat. Doch sie war nachdenklich und dachte: “Ich möchte ihm eigentlich sagen, dass das Projekt nicht nach meinen Vorstellungen läuft, aber ich befürchte, dann könnte Wolfgang enttäuscht sein und hinschmeißen.”

Sie malte sie sich aus, wie Wolfgangs Gesicht fallen wird, wie er vielleicht frustriert oder sogar verletzt reagiert. Also schob sie das Gespräch vor sich her – Tag für Tag. Das Projekt lief weiter in die falsche Richtung, aber Sandra sie schwieg, weil sie glaubte, sie sei für Wolfgangs Gefühle verantwortlich. Diese unsichtbare Barriere kennen wir alle. Sie hindert uns täglich daran, ehrlich und authentisch zu kommunizieren. Dabei liegt dieser Zurückhaltung ein weit verbreiteter Irrglaube zugrunde.

Jeder lenkt seinen eigenen Bus

Hier kommt eine fundamentale Erkenntnis über menschliche Kommunikation ins Spiel: Jeder Mensch lenkt seinen eigenen Bus bzw. jeder ist für seine eigenen Gefühle verantwortlich. Diese Aussage mag zunächst hart oder gar empathielos klingen, aber sie ist tatsächlich die Grundlage für ehrliche und respektvolle Kommunikation.

Du sitzt am Steuer deines eigenen Busses und bist verantwortlich für:

  • Dein Denken
  • Dein Fühlen
  • Dein Handeln
  • Die Art, wie du kommunizierst
  • Deine Wortwahl und deinen Ton

Du sitzt nicht am Steuer des Busses anderer Menschen und bist nicht verantwortlich für:

  • Die Gefühle anderer Menschen
  • Die Reaktionen anderer auf deine Worte
  • Die Interpretationen, die andere deinen Aussagen geben
  • Die Bewertungen, die andere über dich treffen

Stell dir vor: Wenn du wirklich den Bus anderer Menschen lenken könntest, wärst du ein Magier. Du könntest Menschen nach Belieben glücklich, traurig oder wütend machen. Aber so funktioniert es nicht – zum Glück!

Der entscheidende Unterschied: Auslöser versus Ursache

Die Gewaltfreie Kommunikation macht hier eine entscheidende Unterscheidung: zwischen Auslöser und Ursache. Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum Verständnis emotionaler Verantwortung.

Der Auslöser ist das äußere Ereignis – deine Worte, deine Handlung, eine bestimmte Situation. Der Auslöser ist wie ein Signal, das etwas ins Rollen bringt, aber er ist nicht die eigentliche Ursache für die emotionale Reaktion.

Die Ursache liegt in den unerfüllten Bedürfnissen des Menschen, der die emotionale Reaktion zeigt. Seine Gedanken, Bewertungen, Erfahrungen und aktuellen Bedürfnisse bestimmen, wie er auf den Auslöser reagiert.

Ein praktisches Beispiel: Sandra teilt in der Abteilungsbesprechung mit: “Wir müssen alle Projekte bis Freitag abschließen.”

  • Wolfgang als Projektleiter reagiert gestresst und überwältigt
  • Lisa aus der Buchhaltung fühlt sich motiviert und energiegeladen
  • Emma ist traurig und frustriert, als sie erfährt, dass Mama wieder länger arbeitet

Derselbe Auslöser (Sandras Mitteilung), drei völlig unterschiedliche emotionale Reaktionen. Wäre Sandra für die Gefühle aller verantwortlich, müsste sie gleichzeitig Stress, Motivation und Frustration “verursachen” – was logisch unmöglich ist. Jeder reagiert basierend auf seinen eigenen inneren Bedürfnissen, Bewertungen und Erwartungen.

Was wirklich die Gefühle bestimmt

Was wirklich hinter den emotionalen Reaktionen steckt, sind die individuellen Bedürfnisse:

  • Wolfgang als Projektleiter hat ein großes Bedürfnis nach realistischer Zeitplanung und fühlt sich überfordert, wenn Deadlines plötzlich verschärft werden
  • Lisa aus der Buchhaltung liebt klare Abschlüsse und hat ein starkes Bedürfnis nach Ordnung und Vollendung
  • Emma braucht als 12-Jährige gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter und reagiert frustriert, wenn Lisas Arbeit ihre gemeinsame Zeit verkürzt

Die Ursache für ihre jeweiligen Gefühle liegt nicht in Sandras Worten, sondern in der Art, wie diese Worte mit ihren individuellen Bedürfnissen in Resonanz oder Konflikt stehen.

Wenn wir Auslöser und Ursache gleichsetzen

Wenn wir denken der Auslöser wäre auch die Ursache, so kann das weitreichende Folgen für unser Kommunikationsverhalten haben:

  • Wir machen uns kleiner: “Ich darf das nicht sagen, sonst ist er enttäuscht.” Diese Haltung führt zu Selbstzensur und verhindert authentische Kommunikation.
  • Wir manipulieren unbewusst: “Wenn ich das so sage, reagiert sie besser.” Anstatt aufrichtig zu sein, versuchen wir die emotionalen Reaktionen anderer zu steuern.
  • Wir übernehmen zu viel Verantwortung: “Es ist meine Schuld, dass sie sich schlecht fühlt.” Diese falsche Verantwortung lähmt uns und hindert uns daran, klar und direkt zu kommunizieren.
  • Wir vermeiden wichtige Gespräche: “Das Thema ist zu heiß, da sage ich lieber nichts.” Probleme bleiben ungelöst und wichtige Gespräche finden nicht statt.

Die befreiende Kehrseite: Du bekommst die Kontrolle zurück

Wenn du verstehst, dass du nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bist, erkennst du automatisch auch die Kehrseite: Andere sind nicht für deine Gefühle verantwortlich. Und das ist der Moment, in dem du die Kontrolle über dein Leben zurückbekommst.

Sandra beschreibt diese Wendung so: “Früher habe ich immer gedacht: ‘Wolfgang macht mich wütend mit seinen verspäteten Berichten’ oder ‘Lisa frustriert mich mit ihrer Langsamkeit.’ Heute weiß ich: Wolfgang und Lisa lösen etwas in mir aus, aber ich entscheide, wie ich darauf reagiere.”

Der entscheidende Unterschied: Wenn etwas in dir ausgelöst wird, blickst du nicht mehr anklagend auf die andere Person (“Du machst mich…”), sondern wendest den Blick nach innen zu deinen eigenen Bedürfnissen. Du fragst dich: “Was brauche ich gerade? Was ist in mir unerfüllt?”

Ein praktisches Beispiel: Wolfgang kommt wieder zu spät zur Besprechung. Früher dachte Sandra: “Er macht mich so wütend! Warum kann er nicht pünktlich sein?” Heute denkt sie: “Ich spüre Ärger in mir. Was brauche ich? Ah, ich brauche Verlässlichkeit und Respekt für vereinbarte Zeiten. Wie kann ich das ansprechen?”

Diese Wendung ist revolutionär, denn sie macht dich vom Opfer der Umstände zum Gestalter deiner Reaktionen.

Wenn die Erkenntnis in beide Richtungen wirkt

Sandra, die wir zu Beginn kennengelernt haben, entdeckte diese doppelte Befreiung für sich: “Als ich verstanden hatte, dass ich weder für Wolfgangs Gefühle verantwortlich bin, noch er für meine, veränderte sich alles. Ich konnte endlich ehrlich mit ihm sprechen, ohne Angst vor seiner Reaktion. Und wenn er etwas sagte, was mich triggerte, schaute ich nicht mehr vorwurfsvoll auf ihn, sondern fragte mich: Was brauche ich gerade?”

Sie führte das wichtige Gespräch und sagte klar und respektvoll, was sie beobachtet hatte. Wolfgang war zunächst tatsächlich enttäuscht, aber Sandra blieb bei sich: “Ich sehe, dass dich das beschäftigt. Magst du mir erzählen, was in dir vorgeht?”

Anstatt sich zu entschuldigen oder ihre Aussage zu relativieren, blieb Sandra bei ihrer Verantwortung – respektvoll zu kommunizieren – und gab Wolfgang die Verantwortung für seine eigenen Gefühle zurück. Gleichzeitig hatte sie gelernt, auch die Verantwortung für ihre eigenen Gefühle bei sich zu behalten.

Verantwortung richtig verstehen

Verantwortung übernehmen bedeutet vor allem die kritischen Dinge so anzusprechen, dass sie transparent geklärt werden können. Sandra, die wir zu Beginn kennengelernt haben, entdeckte diese Unterscheidung für sich: “Als ich verstanden hatte, dass ich nicht für Wolfgangs Gefühle verantwortlich bin, sondern nur für meine Art zu kommunizieren, konnte ich endlich aufrichtig mit ihm sprechen.”

Sie führte das wichtige Gespräch und sagte klar und respektvoll, was sie beobachtet hatte. Wolfgang war zunächst tatsächlich enttäuscht, aber Sandra blieb bei sich: “Ich habe den Eindruck, dass dich das beschäftigt. Magst du mir erzählen, was in dir vorgeht?”

Anstatt sich zu entschuldigen oder ihre Aussage zu relativieren, blieb Sandra bei ihrer Verantwortung aufrichtig zu kommunizieren und übernahm nicht die Verantwortung für Wolfgangs eigene Gefühle.

Diese Klarstellung bedeutet keineswegs, dass wir empathielos oder rücksichtslos werden sollen. Im Gegenteil: Wenn wir nicht mehr von der Angst vor den Reaktionen anderer blockiert sind, können wir viel authentischer und letztendlich auch empathischer kommunizieren.

Praktische Anwendung im Alltag

Wie kannst du diese Erkenntnis in deinem Alltag umsetzen? Hier sind konkrete Strategien:

  • Vor schwierigen Gesprächen: Erinnere dich daran, dass du nur für deine Kommunikation verantwortlich bist. Bereite dich darauf vor, respektvoll, klar und aufrichtig zu sprechen. Ein Blick auf Deine Bedürfnisse und die vier Schritte unterstützen Dich dabei.
  • Wenn jemand emotional reagiert: Atme tief durch und sage dir: “Diese Person hat Gefühle, und das ist völlig in Ordnung. Ich bin nicht die Ursache, sondern höchstens der Auslöser. Ich kann empathisch sein, ohne Verantwortung zu übernehmen.” Stelle eine passende Bitte, um zu klären was bei Deinem Gesprächspartner angekommen ist.
  • Bei eigenen emotionalen Reaktionen: Anstatt zu denken “Er/sie macht mich wütend/traurig/frustriert”, frage dich: “Was löst diese Person in mir aus? Welches meiner Bedürfnisse ist gerade nicht erfüllt?” So bekommst du die Kontrolle über deine Reaktionen zurück.
  • Bei eigenen Schuldgefühlen: Frage dich: “Habe ich respektvoll kommuniziert? War meine Absicht konstruktiv?” Falls ja, erinnere dich daran, dass die emotionale Reaktion des anderen nicht deine Verantwortung ist. Stelle eine Bitte, um zu validieren was bei Deinem Gesprächspartner angekommen ist.
  • In der Nachbetrachtung: Anstatt zu fragen “Wie kann ich verhindern, dass er sich wieder so fühlt?” frage lieber: “Wie kann ich beim nächsten Mal noch klarer und respektvoller kommunizieren?” Die vier Schritte unterstützen Dich dabei.

Eine Übung für den Alltag

Beobachte dich eine Woche lang bewusst in Gesprächen. Achte besonders auf diese Momente:

  • Wann hältst du dich zurück aus Angst vor emotionalen Reaktionen?
  • Welche wichtigen Gespräche schiebst du vor dir her?
  • In welchen Situationen fühlst du dich “schuldig” an den Gefühlen anderer?
  • Wo denkst Du emotional die Verantwortung zu übernehmen?
  • Wann machst du andere für deine Gefühle verantwortlich? (“Du machst mich wütend/traurig…”)
  • In welchen Situationen könntest du den Blick von der anderen Person weg auf deine eigenen Bedürfnisse richten?

Notiere dir diese Situationen und frage dich jeweils: “Was wäre möglich gewesen, wenn ich nur für meine Art der Kommunikation verantwortlich gewesen wäre?”

Die wichtigsten Erkenntnisse

Bevor wir zum nächsten Schritt übergehen, fasse ich die wichtigsten Punkte zusammen:

  • Auslöser ist nicht Ursache: Deine Worte können ein Auslöser sein, aber die Ursache emotionaler Reaktionen liegt in den unerfüllten Bedürfnissen des anderen.
  • Doppelte Befreiung: Du bist weder für die Gefühle anderer verantwortlich, noch andere für deine. Das gibt dir die Kontrolle über dein Leben zurück.
  • Klare Verantwortungsabgrenzung: Du bist für dein Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich – nicht für die Gefühle anderer.
  • Empathie bleibt wichtig: Verantwortungsklarheit bedeutet nicht Empathielosigkeit – im Gegenteil, sie ermöglicht echte Empathie ohne Überverantwortung.
  • Schwierige Gespräche werden möglich: Mit dieser Klarheit kannst du wichtige, aber heikle Themen ansprechen, ohne von Angst blockiert zu sein.
  • Selbstverantwortung wird gestärkt: diese Erkenntnis bedeutet im Umkehrschluss auch, dass andere auch nicht für Deine Gefühle verantwortlich sind, wodurch Du die Kontrolle über Dein Leben zurückgewinnst.

Dein nächster Schritt

Die Erkenntnis, dass du nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bist, ist befreiend und herausfordernd zugleich. Sie lädt dich ein, mutiger und ehrlicher zu kommunizieren, während du gleichzeitig lernst, empathisch auf die Reaktionen anderer einzugehen, ohne dich dafür verantwortlich zu fühlen.

Diese Klarheit über Verantwortung ermöglicht es dir, deine Beobachtungen ehrlich zu teilen, deine Gefühle authentisch auszudrücken und deine Bedürfnisse klar zu benennen und zwar ohne die lähmende Angst vor den emotionalen Reaktionen anderer.

In unserem nächsten Kapitel werden wir erforschen, wie du lernen kannst, empathisch auf die Gefühle anderer einzugehen, ohne dabei die Verantwortung für diese Gefühle zu übernehmen.