Warum Menschen (manchmal) das Falsche tun – und dabei trotzdem das Beste geben
Nachdem wir im letzten Kapitel erlebt haben, wie anders sich Begegnungen anfühlen, wenn wir Menschen wirklich sehen, taucht eine neue Frage auf: Was ist mit denen, die uns das Leben schwer machen?
Kennst du das? Dein Kollege kommt schon wieder zu spät zum Meeting. Dein Chef kritisiert dich vor anderen. Die Nachbarin parkt dir den Eingang zu. Und du denkst: “Was ist bloß mit den Leuten los? Machen die das mit Absicht?”
Quasi Szenen aus einem ganz normalen Alltag die jeder vielleicht schon mal erlebt hat. Situationen die dich vermutlich nerven. In diesem Moment behaupte ich in meinen Workshops etwas, was erstmal schockiert:
“Jeder Mensch tut in jedem Augenblick seines Lebens das Beste, was er für sein eigenes Leben tun kann.”
Bevor du innerlich protestierst: Ja, ich meine auch den rücksichtslosen Chef, die mobbende Kollegin, den lügenden Politiker. Sofort kommen die Einwände: “Wie kann das sein, wenn andere dabei zu Schaden kommen? Was ist mit Lügnern, Mobbern, rücksichtslosen Chefs?”
Diese Reaktionen verstehe ich nur zu gut. Ich dachte genauso, als ich diesen Satz von Marshall Rosenberg, dem Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation, zum ersten Mal hörte. Auf den ersten Blick erscheint es auch ganz schön egoistisch.
Dann frage ich in die Runde: “Wer würde bewusst in jedem Moment die zweitbeste Entscheidung für sein Leben treffen??”
Plötzlich wird es still. Klar, niemand steht morgens auf und denkt: “Heute treffe ich bewusst schlechte Entscheidungen.” Menschen handeln immer so, wie es ihnen in diesem Moment mit ihrem Wissen und ihren Möglichkeiten als das Beste erscheint. Wenn Menschen das Beste für sich tun, bedeutet es nicht, dass ich das deren Verhalten als richtig oder akzeptabel werte. Es bedeutet nur: Sie haben einen Grund dafür.
Die vier Grundannahmen über uns Menschen
Diese Haltung der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) ruht auf vier Annahmenüber menschliches Verhalten:
1. Hinter jedem Verhalten steckt ein Bedürfnisse
Der zu spät kommende Kollege? Vielleicht kämpft er gerade mit der Kinderbetreuung und will trotzdem ein verlässlicher Teamplayer sein. Der kritisierende Chef? Möglicherweise steht er unter enormem Druck und braucht das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Die rücksichtslos parkende Nachbarin? Vielleicht hatte sie einen Notfall und dachte: “Nur ganz kurz.”
Egal welches Verhalten – dahinter steckt immer das Bestreben, etwas Wichtiges zu bekommen oder zu bewahren.
2. Wir alle haben die selben Gefühle und Bedürfnisse
Ob arm oder reich, jung oder alt, Chef oder Angestellter – wir alle erleben Freude und Trauer, Angst und Mut, Frustration und Begeisterung. Wir alle brauchen Sicherheit, Wertschätzung, Zugehörigkeit, Autonomie im Leben. Die Art, wie wir diese Bedürfnisse zu erfüllen versuchen, unterscheidet sich – die Bedürfnisse selbst sind universell.
3. Meine Bedürfnisse zählen genauso wie die der anderen
Diese Annahme sorgt für eine gesunde Balance. Deine Bedürfnisse nach Ruhe, Respekt oder Anerkennung sind genauso berechtigt wie die deines Partners, deiner Kinder oder deiner Kollegen. Es geht nicht darum, sich durchzusetzen oder nachzugeben, sondern tragfähige Lösungen zu finden, die alle mittragen können.
4. Menschen kooperieren gerne
Unsere Natur ist auf Verbindung und Miteinander ausgerichtet. Wird ein Mensch gesehen, gehört und respektiert, steigt seine Bereitschaft zur Kooperation dramatisch. Bei kleinen Kindern sehen wir das noch deutlich: Sie teilen spontan ihr Spielzeug und trösten andere, wenn sie weinen. Diese natürliche Bereitschaft zur Kooperation ist auch bei Erwachsenen da. Sie ist nur oft verschüttet unter Stress, Ängsten und schlechten Erfahrungen.
Warum sich diese Haltung für dich lohnt – fünf handfeste Vorteile
Mit dieser Haltung auf deine Mitmenschen zu schauen ist kein Kuschelkurs, sondern eine strategische Entscheidung für deinen Alltag. Fünf handfeste Vorteile:
- Du wirst gelassener. Du fühlst dich seltener „getriggert”, weil du erkennst: Jeder tut sein Bestes mit dem, was er gerade zur Verfügung hat.
- Du verschwendest weniger Energie mit Ärger. Statt dich stundenlang über den rücksichtslosen Autofahrer zu ärgern, verstehst du in zwei Minuten: Der hatte es eilig zu seinem kranken Kind. Punkt. Weiter im Leben.
- Deine Mitmenschen werden kooperativer. Wenn du Bedürfnisse ansprichst statt Vorwürfe zu machen, öffnen sich plötzlich völlig neue Möglichkeiten.
- Du findest tragfähige Lösungen. Du erkennst, was wirklich hinter dem Verhalten steckt – und kannst dort ansetzen, wo es Sinn macht.
- Ihre Beziehungen entspannen sich. Menschen spüren, dass sie mit dir auf Augenhöhe sprechen können – und du mit ihnen.
Und ich möchte nochmal betonen: Es bedeutet nicht, alles zu akzeptieren oder zu dulden, sich ausnutzen zu lassen oder anderen keine Grenzen zu setzen. Es bedeutet vor allem, vor deiner Reaktion erst einmal klar zu verstehen, worum es wirklich geht – und dann Lösungen zu suchen, die für alle funktionieren.
Mein Moment der Erkenntnis: Ein persönliches Beispiel
Als junger Projektleiter ärgerte ich mich regelmäßig über einen Hauptabteilungsleiter. Er unterbrach andere, sagte jedem genau, wie er seine Aufgabe zu erledigen hat, und sprach in geringschätzender Weise über Kollegen anderer Abteilungen. Mich forderte er einmal auf: “Sprich nicht mit den Leuten von der Seitenauslinie!”
Meine Gedanken “Arrogant, respektlos, interessiert sich nicht für andere” feuerten meinen Ärger an. Diesen Ärger zu spüren tat mir selbst nicht gut, und ich ärgerte mich zunehmend, dass ich diesen Ärger auch noch mit nach Hause nahm.
Dann wechselte ich die Perspektive und überlegte: “Was könnte sein guter Grund sein?”
Als ich ihn wieder einmal alle unterbrechen sah, dachte ich nicht mehr: “Was für ein Arrogant!” Sondern: “Mensch, der steht wahrscheinlich unter einem Riesendruck. Vermutlich hat er nur diese eine Art gelernt, sich Respekt zu verschaffen.”
Plötzlich verstand ich und bedauerte, dass er in seinem Leben nur diesen einen Weg gelernt hatte. Das änderte nichts daran, dass sein Verhalten nicht meinen Werten entsprach. Aber statt ihn weiter zu verurteilen, konnte ich ihn mit seiner Schwäche sehen und ihm entspannter in Meetings begegnen.
So fängst Du noch heute an: Der Gamechanger-Trick
Was, wenn ich dir sage, dass du hinter dem nervigsten Verhalten deines Kollegen einen nachvollziehbaren Grund finden kannst? Und was, wenn du diesen Grund in 30 Sekunden herausfinden könntest?
Wenn dich jemand das nächste Mal ärgert oder irritiert, stelle dir wertungsfrei diese eine Frage:
“Was könnte der gute Grund sein, dass dieser Mensch so handelt?”
Nicht: “Hat der überhaupt einen Grund?” (Das klingt nach Rechtfertigung) Sondern: “Was für ein Grund könnte das sein?” (Das ist pure Neugier)
Natürlich ist das erst der Anfang. Den wahren Grund – das echte Bedürfnis – zu erkennen, erfordert etwas mehr Fingerspitzengefühl. Dafür brauchen Sie noch ein paar praktische Werkzeuge, die wir im kommenden Kapitel kennen lernen.
Warum die Welt das braucht
In einer Welt, die oft polarisiert ist, wo Reiz-Reaktion das Klima bestimmt, ist diese Haltung wie ein Kompass: Sie erinnert uns daran, dass hinter jedem Verhalten ein Mensch steht – mit einer Geschichte und mit Bedürfnissen.
Diese Haltung zu entwickeln ist keine Frage von Wochen oder Monaten. Es beginnt mit der Entscheidung, Menschen erst verstehen zu wollen, bevor du sie verurteilst. Diese Entscheidung kannst du heute treffen, am besten noch vor der nächsten schwierigen Begegnung.
Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick
- Menschen haben immer einen Grund für ihr Verhalten – auch wenn er dir nicht sofort einleuchtet
- Diese Haltung spart dir Energie – du ärgerst dich weniger und löst mehr
- Verständnis macht Menschen kooperativer – sie fühlen sich nicht mehr angegriffen
- Du findest bessere Lösungen – weil du die echten Ursachen angehst
- Verstehen bedeutet nicht akzeptieren – du kannst mitfühlend und konsequent sein
- Ein einfacher Start reicht – die Eine-Frage-Technik verändert schon viel
Was kommt als Nächstes?
Aber wie findest du diese Bedürfnisse konkret? Wie erkennst du sie bei dir und anderen? Und vor allem: Was machst du dann damit?
Im nächsten Kapitel erfährst du, wie du diese Haltung Schritt für Schritt umsetzt und deinen Bedürfnissen und denen deiner Gesprächspartner auf die Schliche kommst – mit einem einfachen System, das du sofort anwenden kannst.
Denn wenn du erst einmal weißt, welche Bedürfnisse hinter einem Verhalten stehen, öffnet sich eine völlig neue Welt der Möglichkeiten.