Hab ich da ein NEIN gehört?

Warum bekommen wir nicht was wir wollen? Weil wir nicht darum bitten. Warum bitten wir nicht? Vielleicht weil nicht wir nicht wissen, wie wir unsere Bitte ausdrücken oder weil wir befürchten ein „NEIN“ zu hören. Durch die Gewaltfreien Kommunikation (GFK) haben wir gelernt wie wir sorgsam eine Bitte formulieren. Wir nennen die Beobachtung, das Gefühl und das im Mangel geratene Bedürfnis und überlegen einen Weg wie wir dieses Bedürfnis gerne erfüllt bekämen. Dann drücken wir kurz und knapp unsere Bitte aus. Und dann bekommen wir trotz der sorgfältig vorbereiteten Bitte ein „NEIN“ zu hören. Was ist passiert?

Unterschiedliche Fragestellungen.

Es gibt unterschiedliche Fragestellungen. Bei einigen reagieren wir auf ein „NEIN“ weniger empfindlich als bei anderen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin und den Weg zum Bahnhof suche, dann frage ich nach dem Weg. Höre ich als Antwort „Nein, ich kenne den Weg nicht.“ ist unser Bedürfnis nach Orientierung immer noch nicht erfüllt, wir werden es der Person nicht verübeln. So ist es bei allen intellektuellen Fragen. Entweder ich bekomme eine Antwort oder nicht. Und wenn nicht, dann versuche ich die Antwort eben auf anderem Weg zu bekommen. Ich frage eine andere Person oder recherchiere im Internet oder in einem Lexikon.

Ähnlich verhält es sich mit Fragen, ob jemand etwas getan hat oder ein bestimmtes Land besucht hat. Warst Du schon mal Gleitschirmfliegen? Warst Du jemals auf Mallorca? sind solche Fragen. Bei all diesen Fragen ist meine emotionale Betroffenheit eher gering.

Wie schaut es jedoch aus, wenn ich jemanden darum bitte etwas zu tun was mein Leben bereichert und ich höre dann ein „Nein“? Also bei Fragestellungen wie z.B.

  • Frage an Bekannte: „Möchtest Du am Wochenende mit mir Ausgehen?“
  • Frage an Freund: „Könntest Du mir am kommenden Samstag beim Umzug helfen?“
  • Frage an Partnerin: „Könntest Du noch heute Abend den Müll zur Tonne bringen? „
  • Frage an Kind: „Wärst Du bereit Dein Zimmer bis zum Ende der Woche aufzuräumen?“
  • Frage an Vorgesetzte: „Könntest Du mir zum neuen Jahr eine Gehaltserhöhung geben? „
  • Frage an Kollege: „Könntest Du ab kommenden Monat das Projekt übernehmen?“

Wie geht es Dir, wenn Du bei einer solchen oder ähnlichen Fragestellungen ein „NEIN“ hörst? Entsteht bei Dir ein Gefühl von Ärger oder Traurigkeit, dann nimmst Du das „NEIN“ vielleicht persönlich als Ablehnung Deiner Person. Oder aber hörst Du das „NEIN“ empathisch und erkennst, dass der Befragte einfach nur gut für sich selbst sorgt.

Empathischer Umgang mit dem „NEIN“.

Wann hast Du das letzte Mal zu etwas „NEIN“ gesagt? Ich bin sicher, Du hattest gute Gründe dafür. Genauso mag es Deinem Gegenüber ergehen. Vielleicht ist das „NEIN“ nicht im Einklang mit dessen Bedürfnissen und Werten, vielleicht wurde Deine Frage als Forderung gehört oder es gibt sachliche Gründe für das Nein.

Wenn Du das NEIN empathisch hörst, dann kann jetzt eine Klärung entstehen, die zu mehr Klarheit führt. Maßgeblich ist dabei die eigene Haltung. Wenn ich das „NEIN“ höre, dann höre ich das der Betreffende „JA“ zu etwas anderem sagt. Welche Bedürfnisse werden durch dieses „JA“ erfüllt. Welche Bedürfnisse könnten bei dem anderen in den Mangel geraten? Vielleicht ist der Zeitpunkt bereits verplant und es ist der betroffenen Person wichtig zu gemachten Zusagen zu stehen. Vielleicht besteht keine Klarheit darüber, aufgrund welcher Leistungen die Gehaltserhöhung gerechtfertigt werden kann. Nachdem die Klarheit geschaffen ist, welche Bedürfnisse auf beiden Seiten erfüllt werden, kann eine Lösung gefunden werden, die die Bedürfnisse aller erfüllt.

Bei Menschen von denen ich ein „NEIN“ höre, bin ich zuversichtlich, dass sie gut für sich selbst sorgen und bin umso sicherer, dass sie, sobald sie „JA“ sagen, auch mit ganzem Herzen dahinter stehen.

„NEIN“ hören üben.

Hast Du Lust das „NEIN“ hören zu üben? Dann lade ich Dich zu folgender Übung ein.

  • Stelle Dir bitte 3 Personen aus dem beruflichen und privaten Kontext vor und überlege für jeden eine Bitte, die Du dieser Person gerne stellen würdet oder Du vielleicht schon gestellt hast.
  • Formuliere die Bitten in unterschiedlichen Qualitäten, also „Nice to have“, „Bedeutsam“, „Herzenswunsch“.
  • Stell Dir die Situationen sinnlich vor und spüre wie es sich anfühlt, wenn die Bitte erfüllt wird.
  • Suche Dir einen Übungspartner und trage Deine Bitte(n) Deinem Übungspartner einzeln vor. Dein Übungspartner hat die Anweisung einfach nur mit „NEIN“ zu antworten.
  • Bevor Du zur nächsten Frage kommst, spürt beide nach wie es ergangen ist das „NEIN“ zu sagen und auch das „NEIN“ zu hören.
    • Wie hast Du dich gefühlt?
    • Wie hat sich in diesem Moment die Verbindung zwischen Fragendem und Befragten verändert?
    • Welche Unterschiede waren spürbar bei den unterschiedlichen Qualitäten?

Übrigens gehört „NEIN hören“ zu den sogenannten GFK Prozessen. Die Übersicht dazu habe ich Dir hier verlinkt.

Magst Du mir Deine Erkenntnisse als Kommentar hinterlassen?

Lass‘ mich in Ruhe!

Stell Dir vor Du bist unter Termindruck, weil Du ein wichtiges Dokument innerhalb der nächsten 30 Minuten fertig stellen möchtest. Da kommt Deine Frau oder Dein Kind mit einem wichtigen Anliegen ins Homeoffice. Oder im Büro kommt ein Kollege auf Dich zu und hat eine Frage bezüglich eines Unternehmensprozesses oder mag einfach seine privaten Erlebnisse teilen. Wie reagierst Du in solchen Momenten? „Du entschuldige, ich habe gerade keine Zeit!“ ist vielleicht Deine Reaktion. Es folgt „Ach sei doch nicht so, ist nur ganz kurz!“ wird Dir entgegnet und man beginnt Dir sein Anliegen zu auszudrücken. Du wurdest offensichtlich in Deinem Bedürfnis nach Ruhe, um störungsfrei und effizient zu arbeiten nicht wahrgenommen. Das einzige Mittel scheint ein Hilferuf wie z.B. „Lass‘ mich bitte in Ruhe!“ oder „Zisch‘ ab!“ oder „Raus!“.

Das klingt jetzt nicht sehr gewaltfrei, oder? Jede der genannten Aussagen drückt aus, was die andere Person jetzt unmittelbar tun soll. Vielleicht gehst auf deren Anliegen ein, weil Du Dich um die Beziehung sorgst oder einfach nett sein willst. Dadurch verkürzt sich jedoch Deine Zeit und deine Anspannung steigt. Also alles in allem gehst Du in diesem Fall auch nicht gerade besonders fürsorglich mit Dir selbst um, oder?

Verbale Selbstverteidigung – der Giraffenschrei.

Bei solchen Begebenheiten oder auch in Situationen von Angst oder Panik, wenn alte Wunden aufgerissen werden oder Menschen die sich nicht (mehr) um sich selbst kümmern können, wie z.B. ältere Menschen oder Kinder, verbal oder körperlich angegriffen werden, hilft der sogenannte Giraffenschrei. Dabei nutzen wir unsere Energie und drücken klar aus was wir brauchen ohne den anderen zu maßregeln.

Wir sagen oder rufen einfach „Stopp!“, so dass der andere unmissverständlich weiß, dass Du Dich in „Not“ befindest. Füge noch dein Bedürfnis hinzu, welches gerade in dieser Situation im Mangel ist. „Stopp!!! Ich brauche gerade Ruhe, um konzentriert zu arbeiten.“ oder „Stopp! Dieses Thema ist für mich gerade ganz schwer zu ertragen.“ Verwende möglichst kurze und prägnante Sätze. Um die Ernsthaftigkeit des Stopp-Signals zu unterstreichen, empfiehlt sich die Aussage durch klare Gesten zu unterstreichen.

Wie man das stoppen ausdrücken kann, zeigt das folgende Video besonders anschaulich 🙂

Übrigens ist der sogenannte Giraffenschrei einer der GFK Prozesse. Wenn Du die Übersicht zu den GFK Prozessen sehen möchtest, dann folgen dem Link.

In welchen Situationen würdest Du den Giraffenschrei gerne mal ausprobieren? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.