Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

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Weg zu emotionaler Klarheit

Selbsteinfühlung als Selbstklärungsprozess – Wenn die Emotionen kochen

Erinnerst du dich an den Moment mit dem SUV-Fahrer aus unserem letzten Kapitel? Ich war nicht nur sauer – ich kochte innerlich vor Wut. Mein Puls raste, meine Gedanken kreisten nur um diesen “rücksichtslosen Egoisten”, und rational denken? Fehlanzeige. Kennst du solche Momente, in denen deine Emotionen so überwältigend sind, dass du am liebsten explodieren möchtest?

Genau für diese Situationen brauchst du Selbsteinfühlung. Sie ist dein Rettungsanker, wenn der emotionale Sturm tobt und du zu aufgewühlt bist, um klar zu denken. Selbsteinfühlung bedeutet: Du wendest die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation auf dich selbst an, um wieder bei dir anzukommen.

Was ist Selbsteinfühlung?

Selbsteinfühlung ist ein strukturierter Selbstklärungsprozess, der dir hilft, auch in emotionalen Ausnahmesituationen herauszufinden, was wirklich in dir vorgeht. Du führst sozusagen einen mitfühlenden Dialog mit dir selbst – wie ein guter Freund, der dir aufmerksam zuhört, ohne zu verurteilen.

Das Ziel ist nicht, deine Gefühle wegzurationalisieren oder zu unterdrücken. Im Gegenteil: Du gibst ihnen bewusst Raum und erforschst sie mit Neugier und Mitgefühl, bis du zu dem gelangst, was du wirklich brauchst.

Wichtig: Selbsteinfühlung ist keine Therapie oder psychologische Behandlung. Sie ist ein praktisches Werkzeug für den Alltag, das dir hilft, emotionale Klarheit zu gewinnen.

Die vier Schritte der Selbsteinfühlung

Schritt 1: Die bewusste Beobachtung – Was ist passiert?

Beginne mit den nackten Fakten, ohne Bewertungen oder Interpretationen. Was genau ist geschehen?

Bei mir mit dem SUV: “Ein SUV ist von der rechten Abbiegespur in meine Geradeausspur gewechselt und hat sich vor mich eingeordnet.”

Weitere Beispiele:

  • “Mein Kollege hat das Meeting verlassen, ohne etwas zu sagen.”
  • “Meine Partnerin hat ihr Handy nicht weggelegt, während ich erzählt habe.”
  • “Mein Chef hat meine E-Mail seit drei Tagen nicht beantwortet.”

Die Beobachtung schafft emotionalen Abstand und hilft dir, aus dem Gefühlschaos herauszutreten.

Schritt 2: Die Urteile anerkennen – Was denkst du wirklich?

Jetzt kommt der Teil, den wir normalerweise verstecken: die ungefilterten Urteile und Gedanken, die in dir hochkommen. Sei ehrlich mit dir – hier geht es nicht um politische Korrektheit.

Bei mir mit dem SUV: “Was für ein rücksichtsloser, arroganter Egoist! Der denkt wohl, er ist wichtiger als alle anderen. So ein Typ gehört nicht in den Straßenverkehr!”

Weitere Beispiele:

  • “Mein Kollege ist ein unhöflicher Wichtigtuer, der sich für was Besseres hält!”
  • “Meine Partnerin ist so respektlos und selbstbezogen. Die interessiert sich einen Dreck für das, was ich sage!”
  • “Mein Chef ist ein inkompetenter Chaot, der seine Mitarbeiter hängen lässt!”

Diese Urteile zu benennen ist befreiend – und sie sind der Schlüssel zu deinen tieferliegenden Gefühlen.

Schritt 3: Die Gefühle erforschen – Was fühlst du wirklich?

Jetzt tauchst du tiefer. Hinter Wut und Ärger verbergen sich oft verwundbarere Gefühle. Nimm dir Zeit, in dich hineinzuspüren.

Bei mir mit dem SUV – die Schichten:

  • Oberflächlich: Wut, Ärger, Empörung
  • Darunter: Ohnmacht, Hilflosigkeit
  • Noch tiefer: Sorge um Sicherheit im Verkehr

Weitere Beispiele:

  • Kollege verlässt Meeting: Wut → Verletzung → Unsicherheit über eigenen Status
  • Partnerin am Handy: Ärger → Enttäuschung → Sehnsucht nach Verbindung
  • Chef antwortet nicht: Frustration → Angst → Sorge um Arbeitsplatz

Oft sind es die verwundbareren Gefühle, die uns den Weg zu unseren echten Bedürfnissen zeigen.

Schritt 4: Die Bedürfnisse entdecken – Was brauchst du wirklich?

Was steckt hinter deinen Gefühlen? Welche Lebenswerte sind hier berührt?

Bei mir mit dem SUV: Hinter meiner Wut steckte mein Bedürfnis nach:

  • Sicherheit im Straßenverkehr
  • Respekt und Rücksichtnahme
  • Vorhersehbarkeit und Ordnung
  • Fairness (alle halten sich an Regeln)

Weitere Beispiele:

  • Kollege verlässt Meeting: Bedürfnis nach Respekt, Wertschätzung, Klarheit
  • Partnerin am Handy: Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Verbindung, Gehört werden
  • Chef antwortet nicht: Bedürfnis nach Sicherheit, Klarheit, Planbarkeit

Der entscheidende fünfte Schritt: Die Bitte an dich selbst

Hier unterscheidet sich Selbsteinfühlung von der normalen GFK: Du richtest eine mitfühlende Bitte an dich selbst. Was brauchst du jetzt, um für deine Bedürfnisse zu sorgen?

Drei Arten von Selbst-Bitten:

1. Die Fürsorge-Bitte

“Was kann ich jetzt für mich tun, um mich zu beruhigen/zu unterstützen/zu stärken?”

Bei mir mit dem SUV: “Kannst du jetzt drei tiefe Atemzüge machen und dich daran erinnern, dass die meisten Autofahrer rücksichtsvoll sind? Und heute Abend vielleicht einen entspannenden Spaziergang machen?”

2. Die Klarheits-Bitte

“Was kann ich tun, um in dieser Situation mehr Klarheit zu bekommen?”

Beispiel mit dem Chef: “Könntest du morgen früh nochmal freundlich nachfragen und konkret sagen, bis wann du eine Antwort brauchst?”

3. Die Handlungs-Bitte

“Was kann ich konkret tun, um meine Bedürfnisse zu erfüllen?”

Beispiel mit der Partnerin: “Könntest du heute Abend ein ruhiges Gespräch mit ihr führen und ihr sagen, wie wichtig dir ihre Aufmerksamkeit ist?”

Ein praktisches Beispiel: Sarah und der Stress mit dem Team

Sarah ist Teamleiterin und völlig frustriert. Wieder einmal wurde ein wichtiger Termin verpasst.

Schritt 1 – Beobachtung: “Das Projektupdate sollte heute um 17 Uhr fertig sein. Es ist 18:30 Uhr und noch nichts da. Drei Teammitglieder haben auf meine Nachrichten nicht geantwortet.”

Schritt 2 – Urteile: “Diese Nieten interessiert es einen Dreck, ob wir unsere Deadlines einhalten! Die nehmen mich und ihre Arbeit nicht ernst. Absolut verantwortungslose Chaoten!”

Schritt 3 – Gefühle:

  • Oberflächlich: Wut, Frustration, Empörung
  • Tiefer: Hilflosigkeit, Überforderung
  • Noch tiefer: Sorge, dass sie als Führungskraft versagt

Schritt 4 – Bedürfnisse:

  • Verlässlichkeit und Planbarkeit
  • Respekt und Wertschätzung ihrer Rolle
  • Unterstützung beim Erreichen gemeinsamer Ziele
  • Sicherheit, dass sie ihren Job gut macht

Schritt 5 – Bitte an sich selbst: “Sarah, könntest du dir jetzt erst einmal eine Tasse Tee machen und zehn Minuten durchatmen? Du bist müde und gestresst. Und könntest du morgen früh ein Teamgespräch ansetzen, um herauszufinden, was los ist und wie ihr gemeinsam bessere Strukturen schaffen könnt?”

Wann Selbsteinfühlung besonders hilfreich ist

Selbsteinfühlung ist dein Werkzeug der Wahl, wenn:

  • Du so wütend bist, dass du nicht klar denken kannst
  • Du dich verletzt oder missverstanden fühlst
  • Du vor wichtigen Gesprächen stehst und emotional geladen bist
  • Du impulsive Reaktionen bereust
  • Du in Situationen feststeckst und nicht weißt, wie es weitergehen soll
  • Du merkst, dass du andere Menschen ständig verurteilst

Die häufigsten Stolpersteine vermeiden

Stolperstein 1: Sich selbst verurteilen

Die Falle: “Ich bin so dumm, dass ich mich wieder aufrege. Ich sollte doch längst über solche Kleinigkeiten hinweg sein!”

Der Weg hinaus: Behandle dich wie einen guten Freund. Du würdest ihm auch nicht vorwerfen, dass er menschliche Gefühle hat.

Stolperstein 2: Die Gefühle überspringen

Die Falle: Direkt von der Situation zu den Bedürfnissen springen, ohne die Gefühle zu erforschen.

Der Weg hinaus: Die Gefühle sind deine Wegweiser. Nimm dir Zeit, sie wirklich zu spüren und zu benennen.

Stolperstein 3: Zu schnell in die Handlung

Die Falle: Sofort loslaufen und etwas “machen” wollen, ohne die Klarheit zu gewinnen.

Der Weg hinaus: Manchmal ist die wichtigste Handlung, erstmal innezuhalten und zu verstehen, was wirklich los ist.

Deine praktische Übung: Der Selbsteinfühlungs-Sprint

Nimm eine Situation aus den letzten Tagen, in der du dich richtig aufgeregt hast:

  1. 5 Minuten für Beobachtung und Urteile: Was ist passiert? Was hast du über die andere Person gedacht? Sei ehrlich!
  2. 5 Minuten für Gefühle: Was hast du gefühlt? Schau auch unter die Oberfläche: Was war unter der Wut?
  3. 5 Minuten für Bedürfnisse: Welche deiner Werte waren berührt? Was war dir wichtig?
  4. 5 Minuten für die Selbst-Bitte: Was könntest du dir selbst anbieten? Was würde dir helfen?
  5. Reflexion: Wie geht es dir nach diesem Prozess? Was hat sich verändert?

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

  • Selbsteinfühlung ist ein strukturierter Dialog mit dir selbst in emotionalen Situationen
  • Sie hilft dir, von impulsiven Reaktionen zu bewussten Entscheidungen zu kommen
  • Der fünfte Schritt – die mitfühlende Bitte an dich selbst – ist der Schlüssel zur Handlungsfähigkeit
  • Urteile sind wertvolle Wegweiser zu deinen tiefsten Bedürfnissen
  • Selbsteinfühlung macht dich empathiefähiger für andere, weil du deine eigenen Muster verstehst

Dein nächster Schritt

Probiere Selbsteinfühlung diese Woche aus – am besten schriftlich, das hilft beim Strukturieren der Gedanken. Du wirst überrascht sein, wie viel klarer du wirst und wie sehr sich deine Kommunikation mit anderen verbessert, wenn du erst einmal bei dir selbst Klarheit gefunden hast.

Im nächsten Kapitel schauen wir uns an, wie du das Gelernte in schwierigen Gesprächen anwendest. Du erfährst, wie du auch dann empathisch bleiben kannst, wenn dein Gegenüber gerade überhaupt nicht kooperativ ist.