Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

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Bitten, die ankommen

Besprechung, um Termineinhaltung bitten.

Was denkst du, weshalb manche Menschen nicht das bekommen, was sie wollen? Ich behaupte, es liegt daran, dass sie nicht klar und aufrichtig äußern, was sie vom anderen wollen. Stattdessen hoffen manche Leute, dass man ihnen die Wünsche von den Lippen abliest.

Forschungen bestätigen das: Studien zeigen, dass Menschen, die von anderen erwarten, Gedanken lesen zu können, häufiger Beziehungsprobleme haben und seltener ihre Ziele erreichen. Selbst die empathischsten Menschen können nicht wissen, was wir fühlen oder brauchen, wenn wir es nicht klar kommunizieren.

Der vierte Schritt der Gewaltfreien Kommunikation ist die Bitte. Hierbei entscheidet sich wie das Gespräch verläuft. Lege ich den Fokus auf Verständnis oder auf eine konkrete Handlung. Formuliere ich die Bitte vage, so dass sie in eine Sackgasse führt oder machbar konkret.

Handlungsbitte, Verbindungsbitte, Verständnisbitte

Wenn du die ersten drei Schritte gemeistert, also Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis benannt hast, stehen dir drei Wege offen, um dein Anliegen zu vervollständigen.

Handlungsbitten: Der Weg zur konkreten Veränderung

Verwende ich eine Handlungsbitte, dann bitte ich um konkrete Verhaltensweisen und beschreibe genau, was die andere Person tun könnte, um meinem Bedürfnis entgegenzukommen. Dabei kann es um körperliche Handlungen gehen, aber auch um mentale Tätigkeiten wie Denken, Analysieren oder Ideenentwicklung.

Ich formuliere Handlungsbitten bevorzugt mit “Wärst du bereit xyz zu tun?” Diese Formulierung bezieht sich auf die Bereitschaft, etwas für mich zu erledigen, und macht deutlich, dass ich die Entscheidungsfreiheit des anderen respektiere.

Handlungsbitten sind hilfreich wenn:

  • Du genau weißt, was getan werden müsste (körperlich oder mental)
  • Es um konkrete, messbare Ergebnisse geht
  • Du eine spezifische Unterstützung, Information oder Idee brauchst
  • Die Situation klar und die Lösung naheliegend ist

Ein paar Beispiele zu Handlungsbitten:

  • Sandra zu Wolfgang: “Wolfgang, die letzten drei Projektmeilensteine wurden jeweils 2-3 Tage später als vereinbart geliefert (Beobachtung). Ich bin beunruhigt und gestresst (Gefühl), weil ich Planungssicherheit brauche, um gegenüber unseren Kunden verlässlich zu sein (Bedürfnis). Wärst du bereit, bis morgen Mittag eine realistische Zeitplanung für die nächsten drei Meilensteine zu erstellen und mir per E-Mail zu schicken?”
  • Lisa zu Emma: “Emma, ich sehe Kleidung auf dem Boden, Teller auf dem Schreibtisch und Bücher überall verteilt (Beobachtung). Ich fühle mich überfordert (Gefühl), weil mir wichtig ist, dass wir uns alle in unserem Zuhause wohlfühlen (Bedürfnis). Wärst du bereit, in den nächsten 20 Minuten deine Kleidung vom Boden aufzusammeln und in den Wäschekorb zu legen?”
  • Wolfgang zu Sandra (mentale Handlungsbitte): “Sandra, wärst du bereit, mir deine Gedanken zu unserem neuen Projektansatz mitzuteilen?”
  • Gisela zu Wolfgang (mentale Handlungsbitte): “Wolfgang, wärst du bereit, drei Vorschläge zu entwickeln, wie wir die Hausarbeit anders aufteilen könnten?”

Was macht diese Bitten erfolgreich?

  • Sie sind spezifisch: Jeder versteht genau, was gemeint ist
  • Sie sind machbar: Die Person kann die Handlung (körperlich oder mental) tatsächlich ausführen
  • Sie haben einen Zeitrahmen: Wann soll es geschehen?
  • Sie sind messbar: Du kannst erkennen, ob die Bitte erfüllt wurde
  • Sie umfassen sowohl körperliche als auch mentale Tätigkeiten

Verbindungsbitten: Der Weg zum tieferen Verständnis

Verbindungsbitten zielen darauf ab, die Qualität des Miteinanders zu klären und zu verbessern, da sie echtes Interesse an der Befindlichkeit des anderen signalisieren. Dabei geht es nicht darum, Verantwortung für die Gefühle des anderen zu übernehmen, sondern um aufrichtiges Interesse an seinem Erleben. Nach Marshall Rosenberg geht es bei Verbindungsbitten darum, Empathie zu erhalten und verstanden zu werden.

Die klassischen Verbindungsbitten:

  • “Wie geht es dir damit?”
  • “Was löst das in dir aus?”
  • “Wie erlebst du das?”
  • “Was geht in dir vor, wenn du das hörst?”

Verbindungsbitten sind nützlich, wenn:

  • Du Widerstand oder Unverständnis spürst
  • Dir die Beziehungsqualität wichtig ist
  • Du die Perspektive des anderen verstehen möchtest
  • Es um wiederkehrende Probleme geht
  • Du nach kreativen, gemeinsamen Lösungen suchst

Ein paar Praktische Beispiele:

  • Sandra zu Wolfgang: “Wie geht es dir damit, wenn du meine Einschätzung der Terminprobleme hörst?”
  • Lisa zu Emma: “Was löst es in dir aus, wenn ich dich bitte, dein Zimmer ordentlich zu halten?”
  • Wolfgang zu Gisela: “Gisela, meine Kollegen haben spontan vorgeschlagen, das Projektergebnis bei einer After-Work-Party zu feiern (Beobachtung). Ich bin aufgeregt und gleichzeitig unsicher (Gefühl), weil mir sowohl Zeit mit dir als auch Anerkennung im Team wichtig sind (Bedürfnis). Wie geht es dir damit, wenn ich heute später heimkomme?”

Warum Verbindungsbitten so kraftvoll sind:

  • Sie zeigen echtes Interesse an der anderen Person
  • Sie decken mögliche Widerstände frühzeitig auf
  • Sie laden zu Dialog statt Monolog ein
  • Sie schaffen Verständnis für beide Seiten
  • Sie signalisieren Interesse an der Befindlichkeit des Gesprächspartners
  • Sie öffnen den Raum für kreative Lösungen

Oft sind Verbindungsbitten der Schlüssel zu nachhaltigen Veränderungen, weil sie die Ursachen von Problemen aufdecken, statt nur an den Symptomen zu arbeiten.

Verständnisbitten: Sicherstellen, dass die Botschaft angekommen ist

Manchmal reagieren unsere Gesprächspartner völlig anders als wir es erwarten. In diesem Fall hilft die Verständnisbitte: “Magst du mir sagen, was bei dir angekommen ist?” Es ist häufig überraschend, welche Unterschiede zwischen dem, was ich mitteilen wollte, und dem, was bei meinem Gesprächspartner angekommen ist, liegen können.

Weitere Formulierungen für Verständnisbitten:

  • “Kannst du mit deinen Worten wiedergeben, was du gehört hast?”
  • “Was hast du verstanden, worum es mir geht?”
  • “Wie ist meine Nachricht bei dir angekommen?”
  • “Was nimmst du als meine Hauptbotschaft wahr?”

Wann Verständnisbitten sinnvoll sind:

  • Wenn du sicherstellen möchtest, dass ihr “auf derselben Seite” seidBeispiel: Sandra zu Wolfgang: “Wolfgang, magst du mir in deinen Worten sagen, was du als mein Hauptanliegen verstanden hast?”
  • Bei wichtigen oder emotionalen Botschaften
  • Wenn die Reaktion des anderen überraschend war
  • Bei komplexen Themen

Diese Art der Bitte ist besonders wertvoll bei wichtigen oder emotionalen Themen, vor allem wenn Missverständnisse auftreten.

Kriterien für erfolgreiche Bitten

Egal ob Handlungs-, Verbindungs- oder Verständnisbitten – Bitten sind am ehesten erfolgreich, wenn sie:

  • Positiv formuliert sind: Sie beschreiben, was du dir wünschst, nicht was du nicht willst
  • Konkrete Handlungen benennen: Sie sind so spezifisch, dass jeder versteht, was gemeint ist
  • Realistisch sind: Die Person kann die Bitte tatsächlich erfüllen
  • Die Entscheidungsfreiheit respektieren: Es ist okay, wenn die andere Person “Nein” sagt
  • Im Hier und Jetzt erfüllbar sind

Die letzten beiden Punkte sind entscheidend: Eine echte Bitte lässt Raum für “Nein” und ist bereit, nach Alternativen zu suchen.

Verbindungs- und Verständnisbitten werden in der Regel immer im Hier und Jetzt erfüllt. Bei Handlungsbitten sieht das ein wenig anders aus, denn eine Bitte wie “Kannst du mir versprechen, zukünftig pünktlich zu kommen?” lässt sich schlichtweg nicht erfüllen und führt zu einem haltlosen Versprechen.

Ein praktisches Beispiel: Verschiedene Wege zum Ziel

Die Ausgangssituation: Sandra stellt fest, dass Wolfgang’s Team wieder in Terminverzug ist.

  • Handlungsbitte: “Wärst du bereit, ab nächster Woche jeden Montag um 9 Uhr deine Wochenpläne hochzuladen und mich sofort zu informieren, wenn sich Verzögerungen abzeichnen?”
  • Handlungsbitte (mental): “Wärst du bereit, mir deine Gedanken zu den Ursachen der Terminprobleme mitzuteilen?”
  • Verbindungsbitte: “Wie geht es dir damit, wenn du meine Einschätzung der Terminprobleme hörst?”
  • Verständnisbitte: “Magst du mir sagen, was du als mein Hauptanliegen verstanden hast?”

Je nach Wolfgangs Reaktion und der Beziehungsqualität kann Sandra flexibel zwischen diesen Ansätzen wechseln.

Deine praktische Übung

Für diese Woche:

  1. Beobachte deine Bitten: Welche Art verwendest du am häufigsten?
  2. Experimentiere bewusst:
    • Verwende mindestens einmal täglich eine Verbindungsbitte
    • Probiere bei einem wichtigen Gespräch eine Verständnisbitte aus
    • Achte bei Handlungsbitten auf Spezifität und Zeitrahmen
  3. Der Entscheidungsfreiheit-Test: Frage dich vor jeder Bitte: “Bin ich wirklich bereit, ein ‘Nein’ zu akzeptieren?”
  4. Reflexion: Welche Art von Bitte führt in deinen Beziehungen zu den besten Ergebnissen?

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Drei Arten von Bitten erfüllen unterschiedliche Zwecke: Handlung, Verbindung, Verständnis
  • Die richtige Wahl der Bittenart kann den Gesprächsverlauf entscheidend beeinflussen
  • “Wärst du bereit…” macht die Entscheidungsfreiheit deutlich sichtbar
  • Erfolgreiche Bitten sind spezifisch, realistisch und im Hier und Jetzt erfüllbar

Dein nächster Schritt

Die Kunst, die richtige Art von Bitte zu wählen und sie klar zu formulieren, braucht Übung. Beginne mit kleinen, alltäglichen Situationen und experimentiere mit den verschiedenen Formen.

Vergiss nicht: Es geht nicht darum, perfekt zu werden, sondern darum, Schritt für Schritt eine Kommunikation zu entwickeln, die echte Verbindung schafft.

Im nächsten Kapitel vertiefen wir das Fundament: Du lernst die entscheidenden Unterscheidungen kennen, die den Unterschied zwischen erfolgreicher und erfolgloser Kommunikation ausmachen. Denn oft scheitern unsere Bitten nicht an der Formulierung, sondern daran, dass wir Grundlegendes verwechseln.