Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

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Was uns wirklich motiviert

Erfüllte BEdürfnisse

Wie Bedürfnisse unbewusst unser Leben lenken

Im letzten Artikel habe ich behauptet, dass jeder Mensch in jedem Augenblick seines Lebens das Beste für sein Leben tut. Falls du darüber noch die Stirn runzelst, möchte ich das hier weiter aufschlüsseln. Wir schauen gemeinsam, was uns wirklich motiviert und antreibt – und zwar anhand des Tagesablaufs einer Person, die ich hier Wolfgang nenne.

Wolfgang wird morgens um 7:00 Uhr vom Wecker geweckt und bleibt erst einmal liegen. Er fühlt sich müde und hat keine Lust aufzustehen. Erst als die Zeit zum ersten Termin knapp wird und die Blase drückt, steht er auf. Als Erstes geht er ins Badezimmer. Beim Zähneputzen ärgert er sich, dass er länger im Bett lag. Beim Frühstück reicht die Zeit nur noch für einen Kaffee. Er packt sein Müsli ein und verlässt das Haus.

Mit dem Fahrrad fährt er die kürzeste Strecke zur Arbeit, obwohl er eigentlich gerne die längere, schönere Route nimmt. Dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Den Vormittag arbeitet er am Computer, ist aber unkonzentriert und schaut häufiger als sonst auf sein Handy. In der Mittagspause geht er nicht mit Kollegen essen, sondern verzehrt sein Müsli. Er will Geld für den nächsten Urlaub sparen.

Nachmittags hat er Meetings, die sich aufgrund unklarer Agenda in die Länge ziehen. Nach Feierabend ist er zwar müde, kauft aber trotzdem noch ein, denn seine Partnerin hatte ihn um einige Besorgungen gebeten. Zu Hause ist er gereizt und erlebt das Familienleben als anstrengend. Beim Abendessen hängt er gedanklich noch bei der Arbeit. Abends vor dem Fernseher scrollt er am Handy, obwohl er weiß, dass dort ebenso wenig Zerstreuung zu finden ist wie im Fernsehprogramm. Er geht viel zu spät ins Bett.

Erkennst du dich in diesem Tagesablauf wieder? Was auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung von Aktivitäten aussieht, folgt in Wirklichkeit einem inneren Plan: unsere Bedürfnisse erfüllen.

Die unsichtbaren Antreiber

In meinen Trainings frage ich zu Beginn: „Was brauchst du im Leben, um glücklich und zufrieden zu sein?“ Die Antworten sind verblüffend ähnlich: Freiheit, Entspannung, Entwicklung, Nahrung, Kreativität, Sicherheit, Frieden, Gemeinschaft, Wertschätzung. Konkrete Objekte wie die große Villa, der Sportwagen oder die Yacht wurden dabei noch nie genannt. Es werden Bedürfnisse genannt, also abstrakte, universelle Qualitäten, die unabhängig sind von Orten, Personen, Aktivitäten, Zeiten oder Objekten.

Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef hat neun grundlegende Bedürfnisse benannt: Lebenserhaltung, Schutz, Zuneigung, Verstehen, Teilhabe, Muße, Kreativität, Identität und Freiheit. Diese Liste deckt sich nahezu mit dem, was meine Teilnehmenden nennen. Falls du dich für die Vielfalt der Bedürfnisse interessierst: Lade dir kostenfrei meine Bedürfnisliste herunter. Schau Dir diese Liste an. Gibt es ein Bedürfnis, wo Du sagen würdest, dass braucht kein Mensch? Vermutlich wirst Du erkennen und mir zustimmen, dass diese Bedürfnisse für alle Menschen gleich sind.

Hier liegt der entscheidende Punkt: Was Menschen wirklich vom inneren her antreibt, sind nicht die äußeren Dinge, sondern die Bedürfnisse, die sie sich durch diese Dinge zu erfüllen hoffen. Die große Villa steht vielleicht für Sicherheit und Status, der Sportwagen für Freiheit und Anerkennung, die Yacht für Entspannung und Abenteuer.

Konkrete Dinge oder Handlungen, mit denen Menschen versuchen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, werden Strategien genannt. Genau diese Unterscheidung ist der Schlüssel zum Verständnis menschlichen Verhaltens.

Was Wolfgang wirklich antreibt

Schauen wir uns Wolfgangs Tag unter diesem Blickwinkel an. Jede seiner Handlungen dient der Erfüllung bestimmter Bedürfnisse:

  • Wenn Wolfgang trotz Wecker liegen bleibt, erfüllt er sich sein Bedürfnis nach Erholung und Selbstbestimmung – auch wenn das später der Strategie „jetzt aufstehen, um pünktlich zu sein“ entgegensteht.
  • Das Aufstehen dient der Entspannung der Blase und der Verlässlichkeit (Termin einhalten).
  • Beim Zähneputzen sorgt er für Gesundheit und Anerkennung im sozialen Miteinander.
  • Der schnelle Kaffee und Verzicht aufs Müsli erfüllt sein Bedürfnis nach Anregung und Effizienz, lässt aber die Nährstoffversorgung außer Acht.
  • Die Wahl der kurzen Fahrradstrecke dient der Pünktlichkeit und verschafft ihm dennoch Bewegung – der Genuss der schönen Route bleibt heute liegen.
  • Am Arbeitsplatz sucht sein häufiger Blick aufs Handy nach Stimulation, während seine Bedürfnisse nach Klarheit, Sinn und Wirksamkeit darunter leiden.
  • Das Mittagessen hat er mitgebracht und erfüllt sich Sparsamkeit (Urlaubsziel), aber auf Kosten von Gemeinschaft und Zugehörigkeit.
  • In zähen Meetings versucht er, Kooperation zu leben; Autonomie und Effektivität bleiben auf der Strecke.
  • Nach Feierabend erfüllt das Einkaufen Fürsorge für die Partnerschaft, obwohl er sich nach Entspannung und Selbstfürsorge sehnt.
  • Zu Hause möchte er Ruhe und gehört werden; gleichzeitig hat die Familie Bedürfnisse nach Harmonie und Verbindung.
  • Das abendliche Scrollen am Handy beim Fernsehen ist ein Versuch von Ablenkung und Ausgleich – echte Präsenz und Erholung kommen nicht an.
  • Selbst das späte Zubettgehen ist ein Akt der Selbstbestimmung – zulasten von Erholung und Gesundheit.

Wolfgang tut in jedem Moment das, was ihm als beste verfügbare Option erscheint. Manchmal sind die Wahlmöglichkeiten begrenzt, manchmal fehlt das Bewusstsein für Alternativen, und manchmal wägen wir ab, welche Bedürfnisse jetzt im Vordergrund stehen. Bei Wahlmöglichkeiten greifen wir oft zu der Strategie, die in diesem Moment ein angenehmeres Gefühl verspricht.

Merksatz: Bedürfnisse konkurrieren nicht – Strategien schon.

Warum gibt es Konflikte?

Du fragst dich vielleicht: „Wenn alle Menschen dieselben Bedürfnisse haben, warum gibt es dann so viele Konflikte?“ Die Antwort liegt in der Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Strategien.

Konflikte entstehen fast nie auf der Ebene der Bedürfnisse, sondern auf der Ebene der Strategien. Bei Wolfgang stehen Erholung und Verlässlichkeit/Struktur nicht wirklich im Widerspruch. Der Konflikt entsteht, wenn er Erholung jetzt im Bett erfüllen will, während die Strategie für Verlässlichkeit jetzt Aufstehen erfordert. Zwei zeitgleiche Strategien – nicht zwei widersprüchliche Bedürfnisse.

Ein weiteres Beispiel: Wenn ich nächsten Monat umziehe und schwere Möbel nicht alleine tragen kann, brauche ich Unterstützung. Das ist das Bedürfnis. Meine erste Idee könnte sein, Wolfgang zu fragen, ob er mir an einem bestimmten Tag hilft. Hat Wolfgang andere Zusagen, entstehen neue Optionen: Termin verschieben, jemand anderen fragen oder einen Umzugsservice beauftragen.

Sobald ein Bedürfnis an einen bestimmten Ort, eine Person, eine Zeit oder ein Objekt geknüpft wird, wird aus dem Bedürfnis eine Strategie. Die Wahlmöglichkeiten werden eingeschränkt – und Konflikte wahrscheinlicher. Die befreiende Erkenntnis: Weil Bedürfnisse universell sind, entsteht auf dieser Ebene Verständnis und Verbindung. Wenn du im Konflikt bist, frage: Welche Bedürfnisse stehen bei uns beiden dahinter? Von dort aus lassen sich oft neue Strategien finden.

Übrigens: Diese Dynamik spielt auch im Management eine zentrale Rolle. Wie du als Führungskraft Bedürfnisse sichtbar machst und Strategien verhandelbar hältst, beschreibe ich in einem separaten Artikel.

Was Bedürfnisbewusstsein leistet (und was nicht)

Das Bewusstsein für Bedürfnisse ist kein Zauberstab. Nicht alle Bedürfnisse lassen sich jederzeit erfüllen. Aber es hilft dir:

  • zu verstehen, warum du unzufrieden bist (welche Bedürfnisse zu kurz kommen),
  • kreativ nach Alternativen zu suchen, wenn gewohnte Strategien nicht funktionieren,
  • Prioritäten bewusst zu setzen,
  • dich selbst weniger zu verurteilen: Dein Verhalten folgt einer Logik – auch wenn es nicht ideal ist.

Eine Aufgabe für dich: Deine persönliche Bedürfnislandkarte

Wähle keinen perfekten, sondern einen ganz normalen oder sogar schwierigen Tag aus der letzten Woche.

  1. Notiere die wichtigsten Aktivitäten – auch die, die du lieber verschweigen würdest. – Zu lange im Bett bleiben – Prokrastinieren statt arbeiten – Fast Food essen, obwohl du gesund leben wolltest – Eine Netflix-Serie bis spät in die Nacht schauen – Einen Konflikt vermeiden, obwohl du etwas sagen wolltest
  2. Frage dich: „Welches Bedürfnis wollte ich mir hier erfüllen?“ Sei großzügig mit dir – selbst scheinbar „unvernünftiges“ Verhalten dient oft wichtigen Bedürfnissen.
  3. Überlege: „Welche anderen Strategien hätte es gegeben, um dasselbe Bedürfnis zu erfüllen?“ Es geht um Neugier, nicht um Perfektion.

Diese Übung kann ernüchternd sein. Vielleicht merkst du, dass einige Bedürfnisse oft zu kurz kommen. Das ist unbequem – und zugleich der erste Schritt zu bewussteren Entscheidungen.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Bedürfnisse motivieren alles menschliche Verhalten – auch das scheinbar irrationale. Jede Handlung dient der Erfüllung von Bedürfnissen, auch wenn uns das nicht bewusst ist und auch wenn die Strategien nicht optimal sind. Diese Erkenntnis hilft beim Verstehen, löst aber nicht automatisch alle Probleme.
  • Alle Menschen haben dieselben Bedürfnisse, aber unterschiedliche Strategien und Möglichkeiten. Diese gemeinsame Basis macht Empathie möglich, garantiert aber keine konfliktfreien Beziehungen. Ressourcen sind begrenzt, und verschiedene Bedürfnisse können miteinander konkurrieren.
  • Bewusstsein für Bedürfnisse erweitert unsere Wahlmöglichkeiten – wenn Alternativen existieren. Wer seine Bedürfnisse kennt, kann kreativer nach Erfüllungswegen suchen. Aber nicht immer sind bessere Strategien verfügbar oder realisierbar.
  • Selbstverurteilung nimmt ab, wenn wir die Logik hinter unserem Verhalten verstehen. Auch “unvernünftiges” Verhalten macht Sinn, wenn wir es als Versuch der Bedürfniserfüllung betrachten. Das bedeutet nicht, dass wir alles gut finden müssen, was wir tun – aber wir können aufhören, uns dafür zu verurteilen.
  • Bedürfnisse sind nicht gleich Ansprüche. Nur weil ich ein Bedürfnis nach Anerkennung habe, bin ich nicht berechtigt zu erwarten, dass andere es erfüllen. Bedürfnisse zeigen mir, wonach ich suche – der Weg dorthin liegt in meiner Verantwortung.

Dein nächster Schritt

Achte in den kommenden Tagen bewusst auf deine Bedürfnisse. Frage dich bei wichtigen Entscheidungen: „Welche Bedürfnisse möchte ich mir erfüllen?“ Und wenn eine gewohnte Strategie nicht mehr funktioniert: „Welche anderen Wege gibt es?“ Nutze dazu gerne meine Bedürfnisliste.

Du wirst überrascht sein, wie viele Möglichkeiten es gibt, sobald du weißt, wonach du suchst.

Wie findest du eigentlich heraus, welche Bedürfnisse gerade wichtig sind? Es gibt dafür ein Navigationssystem, das du bereits in dir trägst: deine Gefühle. Du musst nichts neu erfinden – nur lernen, diesen Kompass zu lesen. Wie das geht, erfährst du im nächsten Artikel.