Peter H. Schmitt | Mediation Coaching Training

PeterHSchmitt_Portrait s/w klein

Wie wir anderen Menschen begegnen

Szene an der Supermarktkasse

Kennst du das? Du kommst nach einem langen Tag nach Hause und denkst: “Der Kontakt zu dieser Person hat mir heute richtig gutgetan.” Oder das Gegenteil: “Nach dem Gespräch mit diesem Menschen fühlte ich mich total ausgelaugt.”

Woran liegt das? Warum berühren uns manche Begegnungen so tief, während andere uns kalt lassen oder sogar verletzen?

Diese Frage beschäftigte mich seit Jahren. Antworten habe ich gefunden, nachdem ich die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) kennengelernt habe. GFK ist eine Kommunikationsmethode, die der Psychologe Dr. Marshall Rosenberg entwickelt hat. Sie hilft dabei, Konflikte zu lösen, Beziehungen zu verbessern und authentischer mit anderen Menschen umzugehen. Das Besondere: Es ist sowohl eine einfache Technik, als auch eine grundlegende Haltung mit der ich die eigenen als auch die Bedürfnisse anderer Menschen sehen kann.

Verschiedene Arten der Begegnung

Wenn ich über meine täglichen Begegnungen nachdenke, dann fällt mir auf, dass es verschiedene Qualitäten gibt, wie wir anderen Menschen begegnen:

  • Da ist die flüchtige oder funktionale Begegnung an der Supermarktkasse, wo sich Blicke nur für Sekundenbruchteile treffen und sofort wieder weggleiten.
  • Die höfliche Begegnung mit dem Kellner im Restaurant, wo “Was darf es denn sein?” die professionell abläuft, um der Erwartung des Gastes zu entsprechen.
  • Die ausweichende Begegnung, in der überfüllten U-Bahn, im Aufzug oder wenn jemand einem schwierigen Gespräch entgehen will.
  • Die mächtige Begegnung, wo einer Kontrolle ausübt und der andere sich kleinmacht.
  • Und dann gibt es diese wertschätzenden Begegnungen, wo Menschen sich wirklich sehen und Momente echter verbundener Menschlichkeit entstehen.

Dabei ist wichtig: Nicht jede Begegnung muss tief und verbindend sein. Manchmal ist funktionale Höflichkeit genau das Richtige. Es geht darum bewusst zu wählen und Möglichkeiten zu haben eine Begegnung menschlich zu gestalten, wenn es passen ist.

Unbekannte, Bekannte und Vertraute

Die Menschen, denen wir begegnen, lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Unbekannte, Bekannte und Vertraute. Die Unterscheidung ergibt sich aus dem “Abstand” zwischen uns und ihnen – aus Nähe und Distanz. Die Schichten sind dabei durchlässig, so dass aus Unbekannten plötzlich Bekannte und eines Tages vielleicht sogar Vertraute werden und aus Vertrauten irgendwann wieder Bekannte werden können. Ein interessantes Phänomen dabei: Je näher uns jemand steht, desto milder urteilen wir über sein Verhalten. Oder?

Das lässt sich leicht an einer alltäglichen Situation zeigen: Du bist auf dem Heimweg und möchtest im Supermarkt schnell noch etwas besorgen. Du eilst durch den Laden, greifst rasch deine Einkäufe und kommst an die Kasse. Vor Dir kramt jemand in der Geldbörse, zählt Münzen ab – eine nach der anderen. Die Schlange immer länger.

Was denkst du in diesem Moment über diese Person?

Bei einem Unbekannten formt sich schnell ein ungeduldiger Gedanke: “Wer zahlt denn heutzutage noch mit Kleingeld? Hat der keine Karte dabei? Ich habe einen langen Tag hinter mir und will einfach nur nach Hause.” Die Ungeduld wächst mit jedem Cent, der auf das Kassenband gelegt wird, und du würdest vielleicht am liebsten fragen, ob es nicht ein wenig schneller geht.

Bei einem Bekannten – vielleicht die Nachbarin – wandelt sich etwas: “Ach, das ist ja Frau Müller. Bestimmt möchte sie ihr Portemonnaie vom Kleingeld befreien.” Die anfängliche Irritation weicht, und du verfolgst die Szene mit Geduld.

Bei einem Vertrauten wie deiner Mutter durchströmt dich Verständnis: “Typisch Mama. Sie sammelt wieder ihr Kleingeld und will es loswerden.” Du wirst zu ihrem stillen Beschützer und bist bereit, jeden ungeduldigen Blick der anderen Kunden abzufangen.

Diese alltägliche Szene zeigt, dass unsere Beziehung zu einem Menschen nicht nur unsere Gedanken verändert, sondern auch unsere Gefühle. Erinnerst du dich an Situationen, in welchen sich dein Denken unterscheidet, wenn es ein Unbekannter, ein Bekannter oder ein Vertrauter ist?

Vom ersten Versuch zum Gamechanger

Nach einem GFK-Seminar wollte ich ausprobieren, was ich gelernt hatte, und stand an der Supermarktkasse. Die Kassiererin wirkte erschöpft und gestresst. Normalerweise hätte ich bezahlt und “Auf Wiedersehen” gesagt. Aber diesmal probierte ich vorsichtig etwas aus. Ich schaute sie freundlich an und sagte: “Sie sind bestimmt froh, dass bald Feierabend ist.”

Ihre Mimik änderte sich, sie schaute mich an und antwortete: “Ja, das stimmt. Heute war besonders viel los.”

Das war’s. Ein kurzer Moment, mehr nicht. Ich lächelte, bezahlte und ging. Aber dieser kleine Moment fühlte sich anders an. Sicherlich für uns beide. Ich war überrascht, wie wenig es während dieser kurzen Begegnung brauchte, um mit einer Unbekannten diese Verbindung zu schaffen. Dabei machte ich nichts anderes, als sie anzuschauen und ihre Befindlichkeit zu vermuten. Ich selbst war nach dieser Begegnung auch irgendwie zufriedener und fühlte mich selbst in gewisser Weise beschenkt.

Nicht jede Kassiererin möchte sich über ihre Befindlichkeit austauschen. Manchmal erntet man nur einen irritierenden Blick und das ist auch völlig okay.

Was bringt Dir das konkret?

Du hast einen vollen Terminkalender und fragst Dich vielleicht: “Schön und gut, aber wie bringt mich das im Leben weiter?” Der nutzen liegt in allen Lebensbereichen, denn Menschen haben ein tiefes Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. Wirklich gesehen und gehört. Nicht beurteilt, nicht bewertet, nicht korrigiert, sondern gesehen in dem, was sie antreibt, was sie bewegt, was sie brauchen. Wenn du lernst, andere Menschen in ihrer Menschlichkeit zu sehen, geschieht folgendes:

Beruflicher Nutzen:

  • Schwierige Kollegen werden kooperativer, wenn sie sich verstanden fühlen.
  • Konflikte eskalieren seltener, wenn beide Seiten ihre Bedürfnisse äußern können.
  • Meetings werden effizienter, wenn Unstimmigkeiten früher angesprochen werden.

Privater Nutzen:

  • Partnerschaftskonflikte werden konstruktiver,
  • Kinder öffnen sich eher, wenn sie sich nicht beurteilt fühlen
  • Du selbst fühlst Dich weniger gestresst, weil du weniger gegen andere kämpfst.
  • Du ärgerst Dich weniger über andere Menschen
  • Du wirst gelassener, weil Du verstehst, dass jeder Mensch gute Gründe für sein Verhalten hat.

Praktische Tipps für den Alltag

Statt sofort zu urteilen frage Dich: “Was könnte hinter diesem Verhalten stecken?” “Welches Bedürfnis könnte sich diese Person haben?” “Wie würde ich mich in dieser Situation fühlen?”

Bei schwierigen Begegnungen: Atme erst einmal durch, versuche zu verstehen bevor Du selbst verstanden werden willst und äußere deine Bedürfnisse klar und vorwurfsfrei.

Beachte dabei die Grenzen anderer, denn nicht jeder möchte persönliche Gespräche und funktionale Höflichkeit ist manchmal angebracht. Und schließlich musst Du nicht jeden retten oder verstehen.

Selbstbegegnung: Der Schlüssel zu allem

Bevor Du anderen wirklich begegnen kannst, ist es hilfreich Dir erstmal selbst zu begegnen. Das klingt abstrakt, ist aber sehr praktisch gemeint:

Frage dich ehrlich:

  • “Was fühle ich gerade?” (Müdigkeit, Stress, Ärger, Freude?)
  • “Was brauche ich?” (Ruhe, Anerkennung, Klarheit, Bewegung?)
  • “Was ist mir wichtig?” (Pünktlichkeit, Harmonie, Ehrlichkeit?)

Warum ist das wichtig? Nur wenn du weißt, was in dir vorgeht, kannst du auch erahnen, was andere bewegt. Wenn du deine eigene Müdigkeit spürst, erkennst du sie auch bei der Kassiererin. Wenn du deine Anspannung wahrnimmst, verstehst du die Ungeduld des Kollegen.

Diese Selbstwahrnehmung hilft dir auch dabei, deine eigenen Grenzen zu erkennen: An manchen Tagen bist du einfach zu erschöpft für besonders aufmerksame Begegnungen – und das ist völlig menschlich und okay.

Ein realistisches Experiment

Wenn du magst, probiere in den nächsten Tagen folgendes aus:

Wähle bewusst 2-3 Situationen aus, in denen du normalerweise nur funktional reagierst. Zum Beispiel:

  • An der Kasse, beim Bäcker oder im Café
  • Mit einem Kollegen, mit dem du sonst nur das Nötigste redest
  • Mit einem Nachbarn im Treppenhaus oder auf der Straße

Achte dabei auf kleine Signale:

  • Wie wirkt die Person? Gestresst? Müde? Freundlich?
  • Passt ein kurzer, wohlwollender Kommentar? (“Stressiger Tag?” “Schönes Wetter heute.”)
  • Wenn die Person nicht reagiert oder abweisend ist – völlig okay. Dann bleib einfach höflich und geh weiter.

Du wirst merken: Manchmal passiert nichts Besonderes, und das ist in Ordnung. Aber hin und wieder entsteht ein kleiner Moment der Verbindung, der beiden gut tut.

Die wichtigsten Erkenntnisse auf einen Blick

Am Ende dieser Betrachtung fasse ich die zentralen Punkte noch einmal zusammenfassen, die uns helfen können, bewusster und verbundener durchs Leben zu gehen:

  • Menschen sind keine Objekte: Ob Unbekannte, Bekannte oder Vertraute – hinter jedem Menschen steht eine ganze Welt von Gefühlen, Bedürfnissen und Geschichten. Wenn wir das erkennen, verändert sich unsere Art anderen zu begegnen.
  • Unsere Nähe prägt unsere Wahrnehmung: Je vertrauter uns jemand ist, desto mehr suchen wir nach verständnisvollen Erklärungen für sein Verhalten. Diese Milde können wir auch Fremden gegenüber entwickeln.
  • GFK ist keine Zauberei: Es geht um eine achtsame Haltung sich selbst und anderen gegenüber
  • Kleine Gesten, große Wirkung: Manchmal braucht es nur einen aufmerksamen Blick und eine wohlwollende Vermutung, um eine funktionale Begegnung in eine menschliche zu verwandeln.
  • Selbstwahrnehmung ist der Schlüssel: Nur wer sich selbst versteht, kann andere verstehen
  • Verbindung ist ein Geschenk für beide Seiten: Wenn wir anderen mit echter Aufmerksamkeit begegnen, beschenken wir nicht nur sie, sondern auch uns selbst mit einem Gefühl der Lebendigkeit und Verbundenheit.
  • Nicht jede Begegnung muss tief sein: Funktionale Höflichkeit ist oft genau richtig
  • Grenzen respektieren: Nicht jeder möchte persönliche Gespräche – und das ist okay
  • Praktischer Nutzen: Bessere Beziehungen, weniger Stress, konstruktivere Konflikte

Die Frage “Wie möchte ich anderen Menschen begegnen?” kann zu einem täglichen Kompass werden, um in jeder Begegnung neu zu entscheiden.

Am Ende eine Frage

Am Ende geht es um eine grundlegende Frage: Wie möchtest du durchs Leben gehen und Menschen begegnen? Als jemand, der andere Menschen in Schubladen steckt, sie zu Objekten seiner Erwartungen macht? Oder als jemand, der mit Neugier das Menschliche in jedem sieht?

Es ist eine Entscheidung, die du in jedem Moment neu treffen kannst: In der Schlange im Supermarkt. Im Gespräch mit dem Kollegen. Beim Heimkommen zu deinen Liebsten.

Du bist neugierig geworden? Dann lade ich dich ein, im nächsten Kapitel mit mir zu erkunden, welche Haltung dir dabei helfen kann. Denn wie ein weiser Mensch einmal sagte: “Jeder Mensch tut in jedem Augenblick seines Lebens das Beste, was er für sein eigenes Leben tun kann.” Wenn wir das wirklich verstehen, verändert das alles.